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[Rezension] “Bad Feminist” von Roxane Gay

Ich muss gestehen, dass die nähere Auseinandersetzung mit dem Feminismus bisher etwas an mir vorbeigegangen ist. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich in der privilegierten Situation befinde, dass ich mich nie bzw. sehr selten aufgrund meines Geschlechts diskriminiert fühle. Klar finde ich es wichtig, Frauenrechte zu stärken und dafür zu sorgen, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden. Dennoch war das Thema immer so weit weg für mich, da ich immer dachte: wir haben doch schon so viel erreicht, wir werden doch – zumindest hier in der westlichen Welt – nicht mehr diskriminiert?! Übrigens ein Trugschluss, den auch Roxane Gay in ihrem Buch aufdeckt und kritisiert! Ich habe mich also sofort angesprochen gefühlt.

Natürlich muss man nur mal Nachrichten schauen oder sich in bestimmte Debatten in sozialen Netzwerken einlesen, um zu sehen, dass eben nicht alles gut ist, nur weil man sich gerade persönlich nicht benachteiligt fühlt. Und wenn man einmal anfängt, sich damit auseinanderzusetzen, fallen einem doch immer mehr kleine und große Ungerechtigkeiten auf. Problematische Frauen- und Männerbilder, die sich schon so selbstverständlich in unseren Alltag eingefügt haben, dass sie kaum bemerkt werden, als normal wahrgenommen werden. Aber auch Ungerechtigkeiten, die vielleicht über die kleine persönliche Alltagswelt hinausgehen und gesamtgesellschaftliche Probleme darstellen, die endlich mal angesprochen und behoben werden sollten.

Mit Bad Feminist hatte ich dann endlich ein Buch gefunden, das perfekt zu sein schien für mein Herantasten an dieses komplexe Thema.
Roxane Gay beschreibt sich selbst auf dem Klappentext als schlechte Feministin, weil sie eben nicht dem typischen Bild einer Feministin entspricht und diese auch nicht sein will. Sie mag Pink, liest gerne Modezeitschriften und kann auch mal zu Musik tanzen, von der sie eigentlich weiß, dass die Texte äußerst problematisch sind. Aber sie will lieber eine schlechte Feministin sein, als gar keine. Darin konnte ich mich sofort wiedererkennen.

Bei Bad Feminist handelt es sich um eine Essay-Sammlung. In dieser setzt Gay sich jedoch nicht nur, wie der Titel zunächst vermuten lässt, mit Gender-Fragen, sondern auch mit den Themen Rassismus und Gewalt auseinander, was ich ebenfalls sehr spannend fand.
Diese Themen werden sowohl vor einem gesellschaftlichen und politischen, als auch vor dem Hintergrund der Unterhaltungsindustrie behandelt, welche ja einen nicht unwesentlichen Beitrag zu unseren Ansichten und Einstellungen leistet.
Die Autorin nimmt besipielsweise einen Song, ein Buch, eine Serie oder aber auch die Aussage eines Politikers oder einen medial ausgeschlachteten Vergewaltigungsfall zum Anlass, um anhand dieser Beispiele Geschlechterrollen in Fernsehen und Musik und Literatur, die Repräsentierung von PoC in Filmen, Abtreibungsgesetze und vieles mehr zu erörtern.
Immer wieder greift sie auf eigene Erfahrungen zurück und nimmt sich selbst bei ihrer Kritik nie aus, sondern sieht ihre eigene Verantwortung, was ich sehr erfrischend fand. Allgemein nimmt sie immer die Frauen mit in die Verantwortung, was ich äußerst wichtig finde. So kritisiert Sie auch die Selbstdarstellung von Frauen und unseren Umgang untereinander.

“3A. Wenn Sie das Gefühl haben, es sei schwierig mit Frauen befreundet zu sein, ziehen Sie in Betracht, dass vielleicht nicht die Frauen das Problem sind. Vielleicht sind Sie es einfach selbst.

3B. Ich war diese Art Frau. Sorry, dass ich urteile.”

Bad Feminist, Roxane Gay, S. 70

Ich muss zugeben, dass ich nicht mit jedem Essay etwas anfangen konnte und auch nicht immer mit ihrer Meinung übereinstimmte. Aber genau das macht solche Bücher ja interessant. Aber manchmal wusste ich einfach nicht recht, was sie mit dem was sie schreibt, überhaupt aussagen will. So gibt es zum Beispiel ein Essay, in dem sie lang und breit über ihre Teilnahme an Scrabble-Meisterschaften berichtet. Ich wusste nicht, was mir das sagen sollte und war ziemlich schnell gelangweilt. Die darauffolgenden Essays konnten diesen Eindruck aber immer ziemlich schnell wieder ausgleichen.

Die meisten Essays fand ich sehr spannend und anregend. Ich war oft schockiert. Über diese Welt, aber auch oftmals darüber, dass ich nie genauer über bestimmte Ansichten, Rollen und mediale bzw. gesellschaftliche Standards nachgedacht habe. Das Buch hatte also genau den Effekt bei mir, den man sich von einem solchen Werk erhofft!
Roxane Gay hat dabei eine so unkomplizierte, authentische Art über diese schwierigen Themen zu schreiben, dass man manchmal das Gefühl hat, als würde man sich mit einer Freundin bei einer Tasse Kaffe darüber unterhalten. Für ein Sachbuch mit nicht gerade leichtem Inhalt lies sich Bad Feminist also für mich unglaublich flüssig lesen.

Auch wenn mich nicht alle Essays überzeugen konnten, spreche ich für dieses Buch eine klare Leseempfehlung aus. Gerade für Menschen, die – wie ich – bisher nicht viel mit dem Thema am Hut hatten. Es gibt interessante Denkanstöße und hat mich wachgerüttelt und mir gezeigt, dass vieles einfach so selbstverstädlich in unserer Gesellschaft, in den Medien und in unserem Leben verankert ist, dass man es als normal wahrnimmt, dass es dadurch jedoch auf keinen Fall weniger problematisch ist.

“…einfach wieder einmal eine Erinnerung daran, dass für Mädchen und Frauen immer andere Regeln gelten, egal, wer sie sind, egal, was sie tun.”

Bad Feminist, Roxane Gay, S. 406

In ihrem Buch gibt Roxane Gay zudem einige interessante Literaturtipps und hat es durch ihre Erläuterungen definitiv geschafft, dass zumindest ich mich in Zukunft noch deutlich mehr mit dem Thema Feminismus auseinandersetzen werde. Denn auch ich bin lieber eine schlechte Feministin, als gar keine!

Vielen Dank an das Bloggerportal und den btb Verlag für das Rezensionsexemplar!

Angaben zum Buch // Werbung


Titel: Bad Feminist
Autorin: Roxane Gay
Übersetzung: Anne Spielmann
Verlag: btb
erschienen am: 13. Mai 2019
Seiten: 416
ISBN: 978-3-442-71781-1

Hier geht’s zum Buch!

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2 thoughts on “[Rezension] “Bad Feminist” von Roxane Gay”

  1. Hallo Ricy,
    deine Meinung zum Buch ist sehr interessant. Vielen geht es so wie dir, dass sie das Thema gar nicht richtig greifen können. Oftmals ist man nur am Rande betroffen oder hat die Diskriminierung als solche gar nicht richtig gespürt.
    Das Buch habe ich auch im Auge. Habe nämlich vor Kurzem das aktuell übersetzte Buch der Autorin “Hugner” gehört und rezensiert. Es ist ein sehr offenes und persönliches Buch von Roxane Gay, in dem sie über ihren Körper und der Ursache dazu schreibt und alles offenlegt. Ich kann es dir auf jeden Fall empfehlen.
    GlG, monerl

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