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[Rezension] “Sprich” von Laurie Halse Anderson

Sprich von Laurie Halse Anderson wurde erstmals bereits im Jahr 1999 veröffentlicht. Nun ist es erneut im dtv Verlag in der Reihe Hanser erschienen. Zum Glück, denn so erfährt ein starker Roman, der aktueller nicht sein könnte, erneute Aufmerksamkeit!

Worum geht’s?

Für Melinda startet das erste Jahr an der Highschool. Eigentlich sollte das aufregend und von neuen Eindrücken und Freundschaften geprägt sein. Doch niemand möchte mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sogar ihre beste Freundin hat sich von ihr abgewendet. Der Grund dafür ist der, dass sie auf einer Party im Sommer die Polizei gerufen hat. Seitdem gilt sie als Zicke und Spaßbremse. Dabei weiß niemand, warum sie das getan hat. Denn Melinda kann nicht darüber sprechen. Nicht mit ihren Freundinnen und nicht mit ihren Eltern. Mit niemandem. Und so verstummt sie, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, stößt damit auf noch mehr Unverständis und Schwierigkeiten. Es dauert über ein Jahr, bis sie wieder den Mut fasst, ihre Stimme zu nutzen und sich zu wehren.

Meine Meinung

Was für ein wichtiges und berührendes Buch!
Melinda hat etwas schreckliches erlebt, doch sie kann es niemandem erzählen. Das würde es nur realer machen und wer würde ihr schon glauben? Dabei wird sie fast täglich an ES erinnert, denn ES geht mit ihr auf die Schule. Ihre Mitschüler meiden sie und auch ihre Freundinnen haben sich von ihr abgewendet. Melinda zieht sich daher immer mehr zurück, ihre Noten rutschen ab und auch ihren Eltern geht sie aus dem Weg, verbringt den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Das handelt ihr jedoch nur noch mehr Ärger ein, denn ihre Eltern und Lehrer halten ihr Schweigen für eine pubertäre Aufsässigkeit, niemand fragt genauer nach.

“Hier und da sitzen andere Versager zwischen all den glücklichen Teenagern – Rosinen im Einheitsbrei der Schule.”

Sprich, Laurie Halse Anderson, S. 187


Durch die Ich-Perspektive erlebt man dieses schreckliche Jahr von Anfang bis Ende aus Melindas Sicht mit. Ich konnte mich unglaublich gut in sie hineinversetzen. Trotz des Schocks, den Melinda erlebt hat, ist sie eine unglaublich starke Protagonistin. Man spürt und versteht ihre Verzweiflung, die plötzlich alles andere sinnlos macht und dennoch hat sie ihren Humor nicht ganz verloren, der natürlich auch einen gewissen Zynismus entwickelt hat. Als stille Beobachterin kommentiert sie auf kluge, oft spöttische und amüsante Weise die Regeln, Gesellschaftsstrukturen und Schwierigkeiten des ganz alltäglichen Highschool-Lebens, die diese Zeit für viele Schüler schon zur Qual machen, ohne dass sie etwas wie Melinda erlebt haben. Für die Lehrer im übrigen auch. Auch die Eheprobleme ihrer Eltern entkommen ihrem scharfen Blick nicht. Auch sie schweigen lieber, als schwierige Themen anzusprechen.

“Ich lehne mich gegen den Spiegel. Augen hinter Augen hinter Augen starren mich an. Bin ich irgendwo da drin?”

Sprich, Laurie Halse Anderson, S. 181

In einem Rutsch habe ich dieses Buch verschlungen, Melinda hat mich mit ihrer Geschichte berührt und mit ihrer Art mitgerissen. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, über schlimme Erlebnisse und Probleme zu sprechen, macht aber auch sehr gut deutlich, warum genau das für Betroffene oft so schwer ist. Die Scham, die Schuldgefühle, der Wunsch, einfach nur zu Vergessen und die Angst, das einem nicht geglaubt wird und dass dadurch alles nur noch schlimmer wird, gefolgt von Hoffnungslosigkeit und Resignation führen dazu, dass jeder noch so kleine Impuls, sich jemandem anzuvertrauen, im Keim erstickt wird. Eine Problematik, die man erkennen und verstehen muss, um stumme Hilfeschreie wahrzunehmen. Der Punkt, dass genau diese Gefühle so authentisch und beklemmend dargestellt werden, man wirklich verstehen kann, warum Melinda nicht den Mund aufmacht und sie es am Ende trotzdem schafft, ihre Stimme wiederzufinden, ist das womit dieses Buch meiner Meinung nach so stark macht.

“David starrt den Stiernacken an, schaut dann einen Moment lang zur Fahne hinüber, packt seine Bücher zusammen und verlässt den Raum. Ohne ein Wort hat er eine Million Sachen gesagt. Ich nehme mir vor, David Petrakis genauer zu beobachten. Ich habe noch nie ein Schweigen gehört, das so vielsagend war.”

Sprich, Laurie Halse Anderson, S. 87

Sprich ist für mich ein Buch, das in jeden Lehrplan der Mittelstufe gehören sollte. Allerdings ist es natürlich immer wichtig, dass ein solches Thema in einem sensiblen und reflektierten Rahmen behandelt wird.
Melinda ist eine kluge Protagonistin, durch die ein schwieriges Thema auf unglaublich authentische Art und Weise nähergebracht wird. Man leidet mit ihr mit, aber ihre Geschichte macht auch Mut. Mut, die eigene Stimme zu nutzen und sich anderen anzuvertrauen. Sich zu wehren.
Und dabei bleibt es nicht. Man wird es nicht glauben, aber trotz des heftigen Themas schaffte es Melinda mit ihrer scharfsinnigen Beobachtung ihrer Mitschüler, Lehrer und Eltern immer wieder mich zum Schmunzeln zu bringen. Es ist nicht nur die Geschichte eines Mädchens, dem Schreckliches widerfahren ist und das nun versucht nicht ganz daran zu zerbrechen, es ist auch die Geschichte eines Mädchens, das versucht sich im ganz normalen Wahnsinn des Schulalltags und des Erwachsenwerdens zurechtzufinden – und andere dabei beobachtet. Oder anders, wie es die auf dem Klappentext zitierte Rezension aus dem Darmstädter Echo formuliert: “…ein Buch über ein Mädchen, das zu lachen statt zu weinen versucht”. Treffender könnte ich es nicht beschreiben.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den dtv Verlag für die Zusendung meines Rezensionsexemplares!

Anzeige // Angaben zum Buch

Titel: Sprich
Autorin: Laurie Halse Anderson
Übersetzung: Birgitt Kollmann
Verlag: dtv Verlag
erstmals erschienen: 1999 (Originalausgabe), am 21.06.2019 im dtv Verlag erschienen
Seitenzahl: 288
ISBN: 978-3423627108
Preis: 9,95€ (Taschenbuch)

Buch kaufen? beim Verlag oder auf genialokal.de

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2 thoughts on “[Rezension] “Sprich” von Laurie Halse Anderson”

  1. Hello :)

    Das Buch klingt echt richtig gut. Warum habe ich das bisher noch nirgendwo sonst gesehen? Das Cover gefällt mir auch richtig gut & ich muss es mir auf jeden Fall auf meine Wunschliste setzen. Danke für die ausführliche Rezension.

    Herzlich

    Josia

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