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[Rezension] “Who Cares! – von der Freiheit, Frau zu sein” von Mirna Funk

Wer diesem Blog schon häufiger mal einen Besuch abgestattet hat, weiß, dass ich immer wieder gerne zu feministischer Literatur greife.

Mirna Funks neues Buch “Who Cares!” lenkte nicht nur durch seinen schreienden Titel und das knallpinke Cover sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Auch ihr sehr klarer Ansatz, dass wir Frauen doch längst frei und gleichberechtigt sind und es eben nur nicht nutzen und die gleichzeitige Abrechnung mit dem deutschen Mainstream-Feminismus interessierten mich. Vor allem, weil dieser erst mal Abwehr in mir auslöste. Das fand ich interessant, denn es bringt ja nichts, nur Sachbücher zu lesen, die immer nur die eigene Meinung und Wahrnehmung wiederkäuen, richtig?!

So machte ich mich also an Mirna Funks “Manifest” und uff…zunächst kam sie mir einfach nur wahnsinnig arrogant vor. SIE hat ja dies gemacht und SIE hat sich dann einfach für jenes entschieden. SIE denkt in solchen Situationen einfach das…SIE ist ja so wahnsinnig frei und stark und unabhängig… Und nur, weil sie das so macht, ist es jetzt das einzig Richtige, oder wie?, fragt mein eingeschüchtertes Selbstbewusstsein in meinem Hinterkopf. Dass es um mehr als das geht, kommt erst später richtig an.

Mirna Funk berichtet in diesem schmalen Buch von ihrem Leben und ihren Erfahrungen aus den Bereichen Karriere, Liebe, Sex, Geld, Kinder und Körper.
Geboren wurde sie 1981 in Ostberlin, arbeitet heute als Autorin und freie Journalistin unter anderem für die FAZ und Die Zeit, hat zwei Romane veröffentlicht, hat eine monatlich erscheinende Sex-Kolumne in der Cosmopolitan und schreibt bei der Vogue Online über ihr jüdisches Leben.
Natürlich wurde ihr das alles nicht geschenkt.
In ihrem Buch erzählt sie von Problemen in der Schulzeit, schwierigen Zeiten, Nebenjobs und finanziellen Notlagen aber eben auch von einer gehörigen Menge Mut, Anstrengung, Ehrgeiz und Durchsetzungsfähigkeit, die sie dahin gebracht haben, wo sie jetzt ist.

Was für mich also zunächst irgendwie überheblich und kalt wirkte, ist eigentlich nur der Ausdruck genau dieser Eigenschaften und ihre Aufforderung an andere Frauen, es ihr nachzutun.
Das sich das erstmal so negativ anfühlte, kann ich mir nur damit erklären, dass es so ungewohnt ist und dadurch, dass sie einen Finger in die Wunde legt. Viel zu sehr wird man täglich von eben diesem Mainstream-Feminismus, den sie kritisiert, in Watte gepackt. Ein Feminismus, der zwar immer wieder das Ausmaß und die Ursachen der immer noch vorherrschenden Geschlechterungleichheit hervorhebt, aber Frauen dadurch irgendwie auch wieder in eine passive Rolle drängt: Das Patriarchat und der Kapitalismus sind Schuld!

Ja! Und jetzt? Who cares? Wichtig ist, was wir jetzt damit machen. Das ist es, was Mirna Funk mit ihrem Buch deutlich machen will. Es bringt nichts darauf zu warten, dass jemand diese gesellschaftlichen Strukturen für uns verändert.
Stattdessen sollten wir die Freiheit, die wir bereits haben, richtig nutzen, um selbst etwas für uns zu verändern.

ABER… ja, es gibt ein aber… Man darf dabei nicht vergessen, dass Mirna Funk eine Frau in einem freien, wohlhabenden und demokratischen Land ist. Eine sehr selbstbewusste, gebildete, weiße, heterosexuelle Frau, die keine Behinderung hat und zudem dem allgemeinen Schönheitsideal entspricht. Alles Privilegien, die eben nicht jede hat. Was ich damit sagen will ist, dass diese Aufforderung, dass wir alle doch einfach nur unsere Freiheit nutzen müssen, für viele einschüchternd und für manche eben sogar verletzend wirken könnte. Nicht jede Frau besitzt diese Freiheiten. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch sehr verschiedene Lebensentwürfe gibt und es auch zum Feminismus gehört, andere Frauen nicht dafür zu verurteilen, wenn sie gerne als Mutter und Hausfrau zu Hause bleiben, wenn sie das möchten und es sich leisten können.
Mir gefällt ihr Ansatz, dass wir souveräne Subjekte und somit für uns und unsere Entscheidungen zu jeder Zeit selbst verantwortlich sind, jedoch hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sie ihre eigenen Erfahrungen hier zu sehr verallgemeinert und daraus Argumente formt, die andere Erfahrungen kleinreden (besonders im Kapitel “Sex”, in dem sie auch auf die Me-Too-Debatte eingeht), was mir teilweise sehr unsensibel vorkam.

ABER, ja, schon wieder ein aber… ich gebe ihr in vielen Punkten Recht. Ich war zwar definitiv erst mal eingeschüchtert, und das obwohl ich die oben genannten Privilegien zum Großteil ebenfalls besitze. Einfach, weil ich persönlich nicht über ein solches Selbstbewusstsein und diese Risikobereitschaft verfüge. Aber sie hat Recht. Wenn nicht einmal wir privilegierten, freien Frauen unsere Freiheit nutzen und einfach das tun, was wir tun wollen und als die souveränen Subjekte denken und agieren, die wir sein wollen, wird sich das System nicht für uns ändern und ganz bestimmt nicht für die Frauen, die eben noch nicht so frei sind.

Auch wenn ich einiges in diesem Buch mit einem dicken Knoten im Magen gelesen habe und sicherlich nicht allem uneingeschränkt zustimme, so kann ich doch jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen!

Es ist definitiv hilfreich, um die Tücken des Reihenhaus-Feminismus zu entlarven und sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Think ouside your Bubble, sozusagen. Und vor allem zeigt es, was es braucht, um wirklich etwas zu verändern: Frauen, die es einfach machen!

Vielen Dank an den dtv-Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplars!

Anzeige // Angaben zum Buch

Titel: Who cares! Von der Freiheit, Frau zu sein
Autorin: Mirna Funk
erschienen am: 18. Mai 2022
Verlag: dtv
Seiten: 112
ISBN: 978-3-423-35188-1
Preis (gebundene Ausgabe): 10,00 €
auch als E-Book erhältlich

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