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[Rezension] “Keine Aufstiegsgeschichte – warum Armut psychisch krank macht” von Olivier David

Olivier David wächst in schwierigen Verhältnissen auf. Seine Kindheit und Jugend sind geprägt von Armut, Gewalt, Unsicherheit und Scham. Nach der Trennung der Eltern wachsen er und seine Schwester bei der Mutter auf, die psychisch labil und überfordert ist. Als Jugendlicher beginnt er zu kiffen und zu trinken, gerät in Schlägereien und weiß, nachdem er die Schule abgebrochen hat, nicht wirklich etwas mit seinem Leben anzufangen. Als er endlich ein Ziel hat, beginnt er dafür zu kämpfen. Aber die Vergangenheit hängt ihm nach. PTBS, ADHS, Depressionen und Panikattacken sind seinem “Aufstieg” immer wieder im Weg und so ist er gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen.

Olivier Davids Buch liest sich, wie eine persönliche Autobiographie. Es wechseln sich Passagen, in denen er von seiner Kindheit und Jugend erzählt, mit Tagebucheinträgen aus den Jahren 2019 und 2020 ab. In diesem “Log-Buch” stellt sich heraus, dass er mittlerweile eine feste Freundin hat, bei der er sich fallen lassen kann, ein Volontariat bei einer Zeitung macht aber auch immer noch sehr unter den Nachwirkungen seiner Kindheit leidet, was sich in Panikattacken und Depression äußert. Er fängt jedoch an, sich damit auseinanderzusetzen und begibt sich in Therapie.

Olivier David schreibt eindringlich und ehrlich und macht die Gefühle, die sein Aufwachsen prägten damit für die LeserInnen spürbar. Ich finde es gut, dass er zu Beginn einige Triggerwarnungen nennt, denn diese sind dringend notwendig. Er berichtet offen von schmerzhaften und traumatischen Erlebnissen und beschreibt in seinen Tagebucheinträgen wie diese ihn noch heute manchmal aus der Bahn werfen.

Obwohl ich das Buch sehr gerne gelesen habe und Olivier David mich mit seiner schonungslos ehrlichen Erzählung wirklich bewegen konnte, muss ich doch dagen, dass ich durch den Titel des Buchs etwas ganz anderes erwartet hätte.

Denn ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch über den Zusammenhang von Armut und psychischen Erkrankungen ist dieses Buch nicht. Es ist die Geschichte eines Menschen, die beispielhaft die Auswirkung der Armut auf die psychische Gesundheit zeigt, aber es gibt ansonsten keine weitere Auseinandersetzung mit diesem allgemeinen Zusammenhang. Dass es diesen gibt, wird niemand bestreiten. Das haben zahlreiche Studien untersucht und gezeigt, die der Autor auch als Quelle anfügt und dennoch habe ich mir von diesem Buch eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema erhofft.

Olivier Davids psychischen Erkrankungen hängen mit der Armut, in der er aufwuchs, zusammen. Doch es war nicht nur die finanzielle Armut, die er als belastend bzw. traumatisch beschreibt, sondern auch die psychische Instabilität und Überforderung der Mutter, die Aggressivität, Kriminalität und spätere Abwesenheit des Vaters, das ganze Milieu, in dem er aufwuchs. Das können natürlich auch wiederum Faktoren sein, die aus der Armut resultieren und zusammen mit der finanziellen Armut die psychische Gesundheit von Menschen beeinflussen können. Diese Differenzierung bzw. eine Erläuterung von Ursachen und Folgen fehlte mir etwas.

Die Auseinandersetzung mit der Frage, die den Untertitel des Buches bildet, kommt also meiner Meinung nach zu kurz: WARUM macht Armut psychisch Krank? …und weiter: Wie definieren wir Armut überhaupt, was gehört alles dazu, welche Folgen hat sie für die Menschen und warum machen diese Folgen psychisch krank.

Olivier David schreibt, dass es nicht nur das Geld war, das ihnen fehlte, sondern die Möglichkeiten.

“Wir waren arm an Möglichkeiten. Mehr als nur das fehlende Geld war es ein Mangel an Handwerkszeug, ein Mangel an Alternativen, der uns in unserer Armut von anderen isolierte.”

Olivier David, Keine Austigsgeschichte, S. 47

Und genau das ist der Punkt, der diese Frage Warum macht Armut psychisch krank? zu erklären beginnt. Und davon hätte ich bei dem Titel mehr erwartet, hätte gedacht, dass Studien hinzugezogen würden und das Thema etwas allgemeiner behandelt würde.

Stattdessen ist es eben ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht, der die Facetten, die Armut mit sich bringen kann, anschaulich macht und seine LeserInnen emotional aufrütteln kann. Der eindrucksvolle Schreibstil und Olivier Davids Erzählung, die nichts beschönigt, konnten mich auf jeden Fall mitreißen.

Den Titel Keine Aufstiegsgeschichte finde ich hingegen sehr gut gewählt. Er nimmt Abstand von den zahlreichen “Aufstiegsgeschichten”, die toxische Positivität versprühen und das Narrativ bedienen, nach dem jede*r, der oder die sich nur ordentlich anstrengt und für seine Ziele kämpft, seiner Vergangenheit und den Auswirkungen des Sozialen Milieus in dem er oder sie aufgewachsen ist, entfliehen kann. Denn dabei wird allzu oft vergessen, dass wir unsere Psyche nicht so einfach austricksen können. Und das macht dieses Buch sehr gut deutlich: Armut – und alles was damit zusammenhängt – kann sehr traumatisch sein.

Fazit

Man sollte sich bei diesem Buch nicht von dem Untertitel in die Irre leiten lassen. Es ist kein Sachbuch, dass sich objektiv mit dem Thema der Armut und deren Auswirkung auf die psychische Gesundheit auseinandersetzt.
Stattdessen ist es ein sehr mutiger, sehr ehrlicher und emotionaler Bericht eines jungen Mannes, der in Armut aufwuchs und trotz seines “Aufstiegs” mit den psychischen Folgen zu kämpfen hat.

Sieht man also von meiner Kritik am Untertitel, der falsche Erwartungen wecken kann, ab, möchte ich eine große Leseempfehlung aussprechen!

Vielen Dank an den Eden Books Verlag für das Rezensionsexemplar!

Anzeige// Angaben zum Buch

Titel: Keine Aufstiegsgeschichte –
warum Armut psychisch krank macht
Autor: Olivier David
Verlag: Eden Books
erschienen am: 04.02.2022
Seiten: ‎240

ISBN:‎ 978-3959103312

Preis (Klappenbroschur): 16,95 €

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