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[Rezension] “Grenzen machen uns frei” von Nedra Glover Tawwab

Ratgeber, müssen mich vom Thema her wirklich ganz stark ansprechen, damit ich zu ihnen greife.
In diesem Fall, war das so und ich habe bereits vorher auf Instagram einige Empfehlungen zur englischen Ausgabe gelesen. “Grenzen setzen” – so ein Thema, das mich sehr häufig beschäftigt. Ich weiß, dass es mir schwer fällt Grenzen zu setzeen, nicht nur anderen, sondern auch mir selbst gegenüber. Daher habe ich große Erwartungen in dieses Buch gesetzt.

Worum geht’s?

Nedra Glover Tawwab ist Therapeutin und muss in Ihren Therapiesitzungen sehr oft feststellen, dass viele der Probleme ihrer PatientInnen daher kommen, dass sie keine klaren Grenzen setzen bzw. haben. Um Grenzen zu setzen, muss man natürlich erstmal herausfinden, dass fehlende Grenzen das Problem sind und welche Grenzen denn eigentlich wichtig und gesund wären.

In ihrem Buch erklärt die Autorin daher zunächst was Grenzen eigentlich sind, woher es kommt, dass wir oft keine gesunden Grenzen haben und was die Folgen davon sein können. Sie erläutert, welche Arten von Grenzen und Grenzverletzungen es gibt und was man tun kann, um seine eigenen Grenzen zu erkennen, zu achten und durchzusetzen. Im zweiten Teil des Buches geht sie dann auf die verschiedene Lebensbereiche Familie, Beziehungen, Freundschaft, Arbeit und Social Media/Technik ein und erklärt an zahlreichen Beispielen, wie gesunde Grenzen in diesen Bereichen aussehen, und wie man diese durchsetzen und aufrechterhalten kann.
Zum Schluss gibt es sogar noch einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung und FAQs – also Fragen, die die Autorin häufig gestellt bekommt und die sie kurz und knapp beantwortet.

Meine Meinung

Der Einstieg in diesen Ratgeber fiel mir zunächst sehr leicht, da Nedra Glover Tawwab auf sehr einfache und durch zahlreiche Beispiele anschauliche Weise erklärt, was Grenzen sind, wie Grenzverletzungen aussehen und woher diese kommen und wie viele unserer Probleme eigentlich auf fehlenden oder falschen Grenzen beruhen.
Relativ schnell bekam ich dann jedoch das Gefühl, dass mir diese Erläuterungen nicht ausreichen und nicht tief genug gehen. Ich muss dazu sagen, wie anfangs schon erwähnt, dass ich mich nicht zum ersten Mal mit diesem Thema auseinandersetze und mir daher etwas “mehr” erhofft hatte.

Zudem kam hinzu, dass mir, obwohl die Gliederung im Inhaltsverzeichnis eigentlich so klar und strukturiert aussieht, irgendwie der rote Faden fehlte. Schon zu Beginn, als es eigentlich um die Definition von Grenzen, um Grenzverletzungen und um die Folgen davon gehen soll, werden immer wieder Tipps eingefügt, wie richtige Grenzen aussehen könnten und wie man diese umsetzen könnte, obwohl das eigentlich zum zweiten Teil des Buches gehört. Das führt dazu, dass es zu zahlreichen Wiederholungen kommt.

Die Autorin nutz sehr häufig Aufzählungen – fast auf jeder Seite. Beispielsweise gibt es schon in der Einleitung die Listen “Anzeichen dafür, dass Sie Grenzen brauchen” und “Warum andere Ihre Grenzen nicht respektieren”, die dann entsprechende Stichpunkte beinhalten. Diese klaren und einfachen Aufzählungen sind zwar oft in Ratgebern zu finden und führen in der Regel dazu, dass man etwas mehr verinnerlicht, hatten für mich allerdings eher etwas von einer PowerPoint-Präsentation und ich konnte daher schwer in einen Lesefluss finden. Viele in diesen Listen aufgezählte Punkte und Beispiele sowie Erklärungen von Zusammenhängen fand ich auch einfach so selbstverständlich, dass sie mir manchmal richtig banal vorkamen.
Zudem ähnelten sich die Punkte in verschiedenen Listen sehr wodurch es eben zu den bereits genannten Wiederholungen kommt. Ich hätte mir die Themen strukturierter zusammengefasst (Problem – Ursache – Lösung) gewünscht. Stattdessen gab ist immer wieder zwischendurch Lösungsansätze, die sich dann nur leicht abgeändert wiederholen.

Man merkt, dass die Autorin die Themen Grenzen und Grenzen setzen sonst mit ihren Patient*innen in Therapiesitzungen behandelt, in denen man Zeit hat, den Problemen auf den Grund zu gehen. Für Menschen, die sich jedoch zum ersten Mal damit beschäftigen oder wie ich, sich des Problems zwar bewusst sind, aber noch zu keiner richtigen Lösung gekommen sind, greifen die Tipps bzw. Anleitungen, die sie gibt, meiner Meinung nach etwas zu kurz, sodass sie auch zu Frustration führen könnten.

Soweit ist wahrscheinlich allen klar, was im Idealfall zu tun ist: Problem (fehlende Grenzen) erkennen, Grenzen formulieren und deutlich machen, Grenzen durchsetzen und wenn nötig Konsequenzen ziehen. Das Problem ist, dass das Leben halt oft nicht so einfach funktioniert. Es gibt zahlreiche schwerwiegende Gründe für fehlende Grenzen und Grenzverletzungen, die oft auf anderen psychischen Erkrankungen beruhen oder diese nach sich ziehen (das spricht die Autorin auch an!) und jede Beziehung ist unterschiedlich. Zudem kommt hinzu, dass man in vielen Fällen auch gar keine Konsequenzen ziehen kann oder möchte.
Nicht jede*r kann beispielsweise seinen Job kündigen, weil der Chef wiederholt die Grenzen bei der Arbeitsbelastung nicht einhält und nicht jeder möchte eine Beziehung oder Freundschaft beenden, weil Grenzen in verschiedenen Bereichen dieser Beziehungen wiederholt nicht respektiert werden. Zudem kostet es manchmal wahnsinnig viel Energie, Grenzen zu setzen und durchzusetzen, die man nicht immer aufbringen kann. Im Rahmen einer Therapie können diese Nuancen natürlich viel besser mit einbezogen werden.

Ein wichtiger Punkt, der für mich in diesem Ratgeber viel zu wenig Beachtung bekommt, ist zudem der, dass es auch sehr wichtig ist, sich selber Grenzen zu setzen. Ich denke, dass nicht immer andere Menschen und Beziehungen, der Grund dafür sind, dass wir uns gestresst, unzufrieden und ausgelaugt fühlen. Oft sind wir es auch einfach selbst.
Wie oft mutet man sich selbst zu viel zu, weil man denkt, man müsse das alles schaffen, obwohl das, wenn man mal ehrlich ist, niemand anderes von einem erwartet?! Prioritäten und Selbstfürsorge – und nicht nur im Sinne von: “Die Basis der Selbstfürsorge sind Grenzen” (S. 5) – sind für mich wichtige Punkte. Manchmal stressen einen Dinge, von denen wir denken, dass andere sie erwarten, obwohl sie das gar nicht tun. Oder wir haben einfach selbst sehr hohe Erwartungen an uns. Dann ist es an uns, unseren eigenen Ansprüchen Grenzen zu setzen.

Das klingt jetzt alles so, als würde ich das Buch durchweg schlecht finden. Das stimmt aber nicht!
Ich muss zugeben: als ich das Buch zuende gelesen hatte, war ich zunächst etwas enttäuscht. Aber schon am nächsten Tag fielen mir immer wieder – bei mir, wie auch bei anderen – auf, dass es da fehlende Grenzen gibt, die zu Problemen führen. Und alleine, dass das Buch einen da so sensibilisiert finde ich ziemlich toll! Vielleicht waren die zahlreichen Auzählungen und Wiederholungen dann doch sehr einprägsam…
Zudem fand ich die Kapitel zum Thema Arten von Grenzen und Grenzverletzungen und Ursachen für fehlende gesunde Grenzen sehr interessant.

Zudem denke ich, dass das Buch für viele, die sich noch nicht so sehr mit dem Thema auseinandergesetzt haben, hilfreich sein kann, um überhaupt mal festzustellen, wie viele eigene Probleme eventuell auf fehlende Grenzen zurückzuführen sind. In vielen Fällen lassen sich einfache Grenzen ja auch recht schnell und unkompliziert umsetzen. Beipsiel: Warum sollte eine Freundin wissen, dass man sich nach der Arbeit nicht noch mit ihr auf einen Kaffee treffen möchte, weil man dann einfach zu müde ist und man außerdem zuhause noch kochen muss, wenn man es ihr nie gesagt hat. Höchstwahrscheinlich wird sie verständnisvoll reagieren und für das nächste Treffen einfach ein Wochenende vorschlagen. Bei solchen Problemen, kann das Buch als Impuls hilfreich sein.
Andere Grenzen sind wie gesagt schwieriger umzusetzen und in diesem Fall könnte es zu Frustration führen, wenn man sich dafür die Lösungen von diesem Buch erhofft.

Fazit

Für den Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema Grenzen kann ich diesen Ratgeber empfehlen. Ich denke, er kann helfen, sich für das Thema Grenzen zu sensibilisieren und somit fehlende Grenzen bei sich selbst und bei anderen zu erkennen.
Für Menschen, die sich jedoch schon eingehend mit diesem Thema beschäftigt haben, hat das Buch wahrscheinlich nicht viel Neues zu bieten.
Insgesamt habe ich leider deutlich mehr erwartet und hätte mir zudem eine klarere Struktur und weniger Listen und Wiederholungen gewünscht.

Vielen Dank an den Unimedica Verlag für das Rezensionsexemplar!

Anzeige//Angaben zum Buch

Titel: Grenzen machen uns frei
(Original: Set boundaries, find peace)
Autorin: Nedra Glover Tawwab
Übersetzung: Anja Schmidtke
Verlag: Unimedica im Narayana Verlag
Seitenzahl: 272
ISBN: 978-3962572617
Preis: 24,00 €

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2 Kommentare

  • Tina

    Einen wunderbaren guten Abend,

    ich lese auch selten Sachbücher oder Ratgeber. Mir geht es wie dir, es muss mich wirklich interessieren. Der Titel, den du vorgestellt hast, sprach mich sofort an.
    Es ist sooo wichtig, sich selbst Grenzen zu setzen. Manchmal ist es gut, über eine grenzen zu gehenq, aber nur, wenn die damit verbundene Erfahrung für einen selbst wichtig und vor allem gut ist.
    Alles andere gehört in die Kategorie “Stopp”. Daran musste ich mich beim lesen deiner Rezension erinnern. Nein sagen gehört nicht zu meinen Spezialitäten.
    Danke für deinen Beitrag.

    Viele Grüße
    Tina

    • ricysreadingcorner

      Hallo Tina,

      danke für deinen Kommentar!
      Nein sagen ist so wichtig. Aber es fällt mir immer so schwer! Und man muss die eigenen Grenzen dafür ja auch erstmal kennen…

      Liebe Grüße und einen schönen Tag!
      Ricarda

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