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[Rezension] “Das weiße Schloss” von Christian Dittloff

Von Christian Dittloffs Debütroman Das weiße Schloss habe ich auf Instagram erfahren, obwohl ich sagen muss das es dort definitiv nicht so präsent und gehyped ist wie manch andere Bücher. Ich hoffe, das ändert sich noch, denn dieses Buch hat es verdient! Als ich dann den Klappentext gelesen habe, wusste ich sofort, dass ich es lesen muss.

Inhalt

Ada und Yves sind glücklich verliebt und beruflich erfolgreich. Als irgendwann unweigerlich die Frage nach dem Kinderwunsch aufkommt, merken die beiden jedoch, dass ein Kind, obwohl sie sich eins wünschen, irgendwie gar nicht in ihr Lebenskonzept passt. Zu groß ist die Angst, dass die Karriere zurückgestellt werden müsste, ihr ausschweifender luxoriöser Lebensstil und ihre persönliche Freiheit oder gar ihre Liebe zueinander darunter leiden könnte. Deshalb entscheiden sie sich für eine Leihmutterschaft über das weiße Schloss. Das weiße Schloss ist eine Einrichtung, in der nicht nur Kinder von Leihmüttern ausgetragen, sondern auch nach der Geburt, natürlich alles in genauster Absprache mit den Eltern, großgezogen werden. Es handelt sich dabei um eine exklusive Einrichtung, die höchste Ansprüche an die Bewerber, sowohl die Eltern als auch die Leihmütter hat. Das Ziel ist es, dem Kind ein Aufwachsen unter besten Voraussetzungen mit drei Elternteilen zu ermöglichen…

Meine Meinung

Christian Dittloffs Debütroman ist eine unheimliche Zukunftsvision und Gesellschaftskritik. Das Weiße Schloss könnte auch in der Gegenwart spielen, gäbe es nicht immer wieder kleine Hinweise, die uns die Welt in der Ada und Yves leben, leicht fremd erscheinen lassen. Es gibt keine fliegenden Autos oder Ähnliches stattdessen arbeitet Ada besipielsweise im Amt für Gesellschaftserweiterung. Einer Behörde, die sich die geregelte für das eigene Land profitable Zuwanderung zum Ziel gesetzt hat. Ada und ihre Kolleginnen entscheiden anhand von intensiver Recherche über die Bewerber, wer einreisen darf und wer nicht. So ist auch Yves als vielversprechender Künstler integriert worden.
Das sowie das Konzept des weißen Schlosses würde heute zumindest in Deutschland wohl noch an der ein oder anderen Ethikkommission scheitern, ansonsten steht dem aber nicht mehr viel im Wege.
Die beiden wohnen in einer schicken und wohlhabenen Vorstadtsiedlung, die irgendein wichtiger Städteplaner genauso entworfen hat, um den Bewohnern die Kombination aus absoluter Ruhe und Idylle und Stadtnähe zu gewährleisten.
Mit Yves und Ada hat Dittloff sehr unsympathische aber durchaus gut gezeichnete Charaktere erschaffen, die fast schon eine Karikatur einer immer egoistischeren Gesellschaft darstellen.

“Was sie als Mensch noch im Paradies ihres selbstbestimmten Lebens erfahren musste, war, dachte Ada bedrückt, dass ihr Bewusstsein mit dem Makel der Endlichkeit imprägniert und sie der Welt im Grunde egal war.”

Das weiße Schloss, Christian Dittloff, S. 211

Sie wollen alles erleben: Karriere, Reisen, Luxus, Party, Unabhängigkeit und dennoch auch Familie und, ja, nicht zuletzt auch eben eigene Kinder. Natürlich, ohne dabei ihre Freiheit und sich selbst igrendwie zurückstellen zu müssen. An ihrer Schwester sieht Ada, was es bedeutet, den Alltag mit Kindern zu meistern, die Nachbarn haben immerhin eine Nanny für ihren Sohn engagiert, aber selbst so ein Leben will Ada nicht.
Yves scheint wesentlich passiver in dieser ganzen Lebensplanung zu sein. Das machte ihn für mich zwar etwas weniger unsympathisch als Ada aber genauso wenig entscheidungfreudig, wenn es um Prioritäten geht. Das drückt sich auch in seiner Kunst aus, bei der er momentan wohl in einer Schaffenskrise steckt.
Ada und Yves wollen einfach alles, wobei, am liebsten noch mehr und zwar alles gleichzeitig. Ein Kind aber bitte erst, wenn der anstrengende Teil vorbei ist und ein fertiger Mensch da ist, den man nach seinen Vorstellungen weiter formen kann… Ich musste mich beim Lesen immer wieder fragen, warum man überhaupt ein Kind bekommen muss, wenn man doch so offensichtlich keins möchte. Tja auch da liegt eine versteckte Kritik: Ein eigenes Kind ist wohl auch so etwas, das man erlebt haben muss, ein weiteres Häken auf der Bucket-List?!
Mit einem trockenen und flüssigen Schreibstil erschafft Christian Dittloff hier meiner Meinung nach eine großartige Kritik an unserer Gesellschaft und den Erwartungen der Menschen, bei all den Möglichkeiten die uns ein priviligiertes Leben heute bietet, auch wirklich alles erleben und machen und haben zu müssen. Die eigene Person, die eigene Freiheit und Unabhängigkeit steht dabei stets im Mittelpunkt. Sehr schön und ironisch zeigt sich dies in einem Spiel, dass Ada und Yves gerne spielen, während ihr Kind weit weg im weißen Schloss im Bauch der Leihmutter heranwächst. Sie zählen einfach alles auf, was sie nun tun könnten, je absurder desto besser, und feiern dabei ihre Unabhängigkeit.

“”Wir können uns einen Aufkleber machen, NO KIDS ON BOARD”, sagte Ada und lachte, weil sie lachen wollte.”

Das weiße Schloss, Christian Dittloff, S. 228

Beide stellen fast symbolisch das uralte Bild von Familie, Fortpflanzung und Elternschaft, worauf wohl auch ihre an das erste bekannte Paar der Bibel angelehnten Namen hinweisen sollen, in Frage.
Leider ist das Buch viel zu kurz, denn neben der kritischen Betrachtung der Konzepte Familie, Partnerschaft, Selbstentfaltung und Karriere und deren Vereinbarkeit in unserer heutigen Zeit, hätte ich mir noch mehr Hintergrundinformationen zum Konzept des weißen Schlosses, von dem man außer durch die Briefe, die die Leihmutter, den werdenden Eltern schreibt, kaum etwas erfährt. Auch die Welt, in der Ada und Yves leben oder auch Adas Job bleiben leider etwas verschwommen, obwohl es da bestimmt viel Potenzial gebe, diese als weitere kritische Aspekte interessant auszubauen. Andererseits bleibt der Roman so beim Wesentlichen und macht noch einmal deutlich, dass es das eigentliche Problem schon in unserer heutigen Gesellschaft gibt.

Fazit

Mit Das weiße Schloss hat Dittloff meiner Meinung nach einen großartigen,  kritischen und trotz seiner Intensität kurzweiligen Roman geschaffen. Er regt zum Nachdenken an und zwingt einen, auch seine eigenen Einstellungen zu hinterfragen, den eigenen Lebensplan zu betrachten und zu vergleichen. Familie, Partnerschaft, Liebe und Selbstentfaltung werden hier ausgiebig beleuchtet und es wird deutlich, dass die Fülle an Möglichkeiten, die es heute gibt, Segen und Fluch zugleich sein kann, da sie dazu führt, dass die Gesellschaft immer weniger dazu bereit ist, Prioritäten zu setzen und Kompromisse einzugehen.
Ich kann diesen Roman wirklich ausdrücklich empfehlen!

Angaben zum Buch // Werbung

Titel: Das weiße Schloss
Autor: Chrsitian Dittloff
Verlag: Berlin Verlag
erschienen am: 01. August 2018
Seiten: 304
ISBN: 978-3827013859
Preis (gebundene Ausgabe): 22,00 €

(c)Buchcover: Berlin Verlag
Beitragsbilder: Ricarda Schneider

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2 Kommentare

  1. Klasse Rezension, liebe Ricy!
    Solche Zukunftsvisionen wirken irgendwie noch gruseliger, wenn man sich durchaus vorstellen kann, dass sie von der momentan Gesellschaft nicht weit entfernt sind… :-O

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