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[Rezension] Alias Grace – Margaret Atwood

Worum geht’s?

Alias Grace beruht auf der wahren Geschichte von Grace Marks – einer jungen Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Kanada wegen der Beteiligung an den Morden an Thomas Kinnear und seiner Haushälterin Nancy Montgomery, bei denen sie als Dienstmädchen angestellt war, zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Um diesen realen Kern hat Margaret Atwood eine spannende Geschichte gesponnen, die sich intensiv mit der Person Grace Marks beschäftigt.

Nachdem Grace bereits 15 Jahre für die Morde im Gefängnis verbracht hat, interessiert sich plötzlich ein Junger Psychiater für sie. Zwar gibt es ein offizielles Geständnis von ihr, doch gibt Grace an, sich an die Morde eigentlich gar nicht erinnern zu können. Dr. Simon Jordan möchte nun versuchen mit modernen wissenschaftlichen Methoden, ihren verlorenen Erinnerungen auf den Grund zu gehen. Und Grace beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Die wahre Geschichte?

Meine Meinung

Was ist Identität, was ist Wahrheit und wer bestimmt das eigentlich? Dies sind die Fragen, mit denen sich der Roman meiner Auffassung nach grundlegend beschäftigt.

“I think of all the things that have been written about me – that I am an inhuman female demon, that I am an innocent victim of a blackguard forced against my will and in danger of my own life, that I was too ignorant to know how to act […] that I am fond of animals, that I am very handsome with a brilliant complexion, that I have blue eyes, that I have green eyes […]
that I am of a sullen disposition with a quarrelsome temper, that I have the appearance of a person rather above my humble station, that I am a good girl with a pliable nature and no harm is told of me, that I am cunning and devious, that I am soft in the head and a little better than  an Idiot.
And I wonder, how can I be all of These different Things at once?”

(Alias Grace, Margeret Atwood, S. 25)

Grace Marks kommt als junges Mädchen, aufgrund der finanziellen Notlage ihrer Familie von Irland nach Kanada, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Auf der Überfahrt stirbt ihre Mutter und so muss sie früh die Mutterrolle für ihre zahlreichen jüngeren Geschwister übernehmen, während ihr gewalttätiger Vater die letzten Ersparnisse der Familie in Alkohol investiert. Als die Miete irgendwann nicht mehr gezahlt werden kann, ist Grace gezwungen in ihrem jungen Alter einen Job als Dienstmädchen anzunehmen. Dort findet sie unter den anderen Dienstmädchen in der lebensfrohen Mary Whitney eine Freundin und fühlt sich zum ersten mal in ihrem Leben geborgen und glücklich. Doch das Glück währt nicht lange, denn ihre treue Freundin stirbt durch tragische Umstände und Grace sieht sich gezwungen weiterzuziehen. Nachdem sie bei verschiedenen Familien gearbeitet und so mittlerweile gute Referenzen erhalten hat, landet sie – angeworben durch die charismatische Haushälterin Nancy Montgomery – im Haus des wohlhabenden Mr. Kinnear. Nancy erinnerte sie sofort an Mary und erweckt in Grace die Hoffnung, dass sie eine ebenso gute Freundin werden könnte. Doch schnell zeigt sich Nancy von einer anderen Seite und bring mit ihrer herrischen Art besonders auch den Stallburschen James McDermott gegen sich auf.

Als Leser weiß man, dass alles auf den Mord an Nancy und Mr. Kinnear hinausläuft. Und alles klingt hier so schnell und plausibel erzählt. Doch durch die Augen von Grace Marks bekommt man einen unglaublich detaillierten Eindruck von ihrem Leben, einer ungerechten Gesellschaft, in der Frauen alleine eigentlich gar keine Chance haben, und zahlreichen tragischen Wendungen, die die Person Grace Marks formen. Das Einzige, was Grace nicht im kleinsten Detail beschreiben kann sind die Morde selbst, denn an diese hat sie, wie sie sagt, keine Erinnerung. Da gibt es ihr Geständnis, welches ihr Anwalt ihr zurechtgelegt hat und die belastende Aussage McDermotts …und es gibt Graces Bruchstückhafte Erinnerung. Der wer glaubt schon einer Frau von niederem Stand, die noch dazu bereits als verrückt abgestempelt wurde?
Alles zusammen ergibt eben das uneindeutige Bild der Geschehnisse, welches ähnlich dem realen Fall für so viele offene Fragen sorgt.
Doch genau an diesen Teil der Geschichte möchte der junge Arzt Dr. Jordan mit Hilfe moderner psychologischer Methoden gelangen.

“Perhaps I will tell you lies, I say.
He doesn’t say, Grace what a wicked suggestion, you have a sinful imagination. He says, Perhaps you will. Perhaps you will tell lies without meaning to, and perhaps you will also tell them deliberately. Perhaps you are a liar.
I look at him. There are those who have said I am one, I say.
We will just have to take the Chance, he says.”

(Alias Grace, Margeret Atwood, S. 46)

Mit der fiktiv ausgebauten Figur Grace Marks hat Margaret Atwood einen unglaublich vielschichtigen und rätselhaften Charakter geschaffen.
Die Geschichte wird abwechselnd von Grace und Dr. Simon Jordan erzählt. Während der junge Arzt sich seiner Sache zunächst sicher fühlt und glaubt durch subtile Methoden ihrem Gedächtnis auf den Grund gehen zu können, ist Grace ihm meist einen Schritt voraus. Denn obwohl ihr in ihrer Geschichte manchmal eine gewisse Naivität bzw. Unwissenheit vorgeworfen werden könnte ist sie im Grunde sehr intelligent.
So kommt es, dass man auch als Leser nie genau weiß, inwiefern man ihr eigentlich trauen kann. Welche Wahrheit soll man auch schon erzählen, wenn man sich nicht daran erinnern kann, wenn sich alle Welt schon irgendein eigenes Bild davon gemacht hat?
Wahrheit ist subjektiv, besonders wenn sie sich auf den Charakter einer Person bezieht. Das zeigt dieser Roman auf eine wunderbar eindrückliche Art und Weise.

Und um diese Frage herum, was eigentlich Wahrheit ist und wer das bestimmt, entpuppt sich der Roman zu einer Kritik zu Gender-Rollen und der fragwürdigen Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

‘’…and the real curse of Eve was having to put up with the nonsense of Adam, who as soon as there was any trouble, blamed it all on her.’’

(Alias Grace, Margaret Atwood, S. 190)

Neben dem Interessanten Thema und der spannend ausgebauten Geschichte, konnte mich Margaret Atwoods unglaublich bildlicher und eindrucksvoller, meist schonungsloser und oft witziger Schreibstil, der einem bei längerer Überlegung oft soviel mehr gibt, als das was einem direkt ins Auge springt, wieder einmal voll und ganz überzeugen, sodass die über 500 Seiten nur so an mir vorbeiflogen.

Fazit

Um die rätselhaften Morde an Nancy Montgomery und Mr. Thomas Kinnear, die bis zuletzt nicht richtig aufgeklärt werden konnten und um die reale Person Grace Marks, deren Schuld immer wieder bestritten wurde, hat Margaret Atwood mit ihrem Roman eine spannende Mystery-Geschichte, eine interessante Charakterstudie und Gesellschaftskritik in einem gesponnen.
Dieses Buch gehört schon jetzt zu meinen Jahreshighlights und ich kann es von ganzem Herzen empfehlen. Obwohl die Geschichte vor fast zweihundert Jahren angesiedelt ist und das Buch schon in den 90er Jahren erschienen ist, haben die grundlegenden Fragen dieses brillanten Romans wie so oft keineswegs an Wichtigkeit und Aktualität verloren.

Angaben zum Buch// Werbung


Titel: Alias Grace
Autorin: Margaret Atwood
Verlag: Virago Press (2009)
erstmals erschienen: 1997
Seiten: 545
ISBN: 978-1860492594
Preis: 9,99 € (englische Taschenbuchausgabe)

 

 

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2 Kommentare

  1. Hallo,
    Die Autorin kam mir jetzt schon einige Male unter, jedoch immer in Bezug auf das Buch “Der Report der Magd”, welches natürlich schon auf meiner WL steht.
    Das von Dir vorgestellte ist mir jedoch völlig unbekannt und gerade deswegen hat mich Dein Beitrag sofort angefixt.
    Und jetzt…nachdem ich Deine Rezension gelesen habe…muss ich es haben. War ja irgendwie sowas von klar *g*.
    Vielen Dank für die tolle Rezension.

    Liebe Grüße aus Wien,
    Conny

    • Hallo Conny :)

      Danke für deinen netten Kommentar!
      Ja, der “Report der Magd” ist auch super!
      Aber “Alias Grace” hat mich, glaube ich, jetzt noch mehr von der Autorin überzeugt…da werden noch viele Büxher auf meine Wunschliste wandern :D

      LG
      Ricy

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