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[Rezension] “Brumm!: Eine schwarz/weisse Fabel für das postfaktische Zeitalter” von Helmut Barz

Beim Betrachten des Covers und des Titels mag wohl die erste Assoziation “Süßes Kinderbuch!” sein. Doch damit liegt man ganz falsch und so klärt der Autor auch mit dem Untertitel “Eine schwarz/weiße Fabel für das Postfaktische Zeitalter” ganz schnell darüber auf, was man hier erwarten kann: eine clevere und witzige Gesellschaftsstire!

Worum geht’s?

Dr. Urs A. Podini ist mit seinem Leben unzufrieden – merkt es aber nicht so wirklich. Oder verdrängt es. Er arbeitet als kreativer Leiter in seiner Werbeagentur, in der er seine Kreativität aber nur minimal ausleben kann und sonst den kuriosen Ideen seiner Kunden unterworfen ist. Dennoch frisst die Arbeit zu viel Zeit um sich zum Beispiel seinem Traum vom eigenen Buch zu widmen. Das ist sowieso kompliziert, denn seine Lebensgefährtin Karolin nimmt seinen geliebten antiken Schreibtisch in Beschlag. Und das Arbeitszimmer…und eigentlich die ganze Wohnung. SEINE Wohnung. Er wird darin eher von ihr geduldet. Als er im Schaufenster des Geschäfts Transitions! ein Panda-Kostüm entdeckt und sich kurzerhand von der Verkäuferin überreden lässt, es anzuprobieren, fühlt er sich einfach grandios und kommt endlich aus sich heraus. Und von da an ist der Panda teil seines Lebens oder besser Teil seines Selbst. Immer, wenn er das Kostüm trägt, tut er Dinge, die er sich sonst niemals trauen würde. Er sagt Kunden, was er wirklich von ihren Ideen hält, wirft seine herrische Lebensgefärtin raus und löst eine Straßenschlacht aus.
Der darauffolgende Gerichtsprozess macht ihn berühmt, er wird zu Talk-Shows eingeladen und zum ersten offiziell anerkannten menschlichen Panda, was wiederum dazu führt, dass er auch Chinesischer Staatsbrüger wird…aber das führt nun für eine kurze Inhaltswiedergabe zu weit. Kurz: Zu seinem neu entdeckten Selbstvertrauen als Panda zu stehen, bringt ihm einige Vorteile, aber auch eine Reihe von skurrilen Problemen mit sich!

Meine Meinung

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich zunächst an die Känguru-Chroniken denken. Und damit war dann auch für mich klar, dass ich das Buch lesen wollte!
Ich fand schnell in die Geschichte hinein und sympathisierte mit Urs, der sich so semi-zufrieden in seinem tristen Alltag eingerichtet hatte, der sein eigenes Licht unter den Scheffel stellte, um seine Kunden zufrieden zu machen und dessen mäkelige Freundin sich in seinem Kopf bereits als Über-Ich manifestiert hatte, das jedes Aufbegehren seinerseits im Keim erstickte. Ich wollte ihm einen Stubs geben und sagen “Jetzt tu’ doch mal was für dich!”. Das hat dann aber recht zügig der Panda übernommen. Und das war dann auch zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Ein erwachsener Mann im Panda-Kostüm? Dass es dafür eine ganze Subkultur – die sogenannten Furries – gibt, war mir bis dahin auch nicht bewusst! Schnell geht die Bedeutung des Pandakostüms für Urs aber darüber hinaus, sich einfach nur zu verkleiden. Er entdeckt ein ganz neues Wesen an sich. Nachdem ihm das einige gute Dienste geleistet hat – er wirft seine unerträgliche Lebensgefährtin raus und sagt einem überheblichen Kunden mal seine Meinung, was ihn endlich mal wieder eine Nacht zufrieden durchschlafen lässt – bringt es aber auch bereits Probleme mit sich. So beißt er einem Jugendlichen den Finger ab und löst eine Straßenschlacht aus, wofür er sich dann vor Gericht verantworten muss.
Dort wird er recht schnell freigesprochen, doch nutzt sein Anwalt gleich die Gelegenheit für die offizielle Anerkennung seiner “Wesenheit” als Panda zu kämpfen und somit den Furries einen großen Dienst zu erweisen. Urs wird dabei nicht wirklich gefragt, aber da das als “Wer-Bär-Träger” gute PR für seine Firma bedeutet, macht er mit, was ich zuerst etwas schade fand, da er wieder nicht für seine Interessen einsteht. Doch nun macht er das mit dem gemütlichen Selbstvertrauen eines Pandas! Er wird entgültig zur Berühmtheit, wird in Talkshows eingeladen und letztlich als Panda zum chinesischen Staatsbürger erklärt, was ihn auf einer Reise durch China zu einer Panda-Aufzuchtstation bringt, wo er sich noch intensiver mit dem Wesen dieser flauschigen Tiere auseinandersetzt und endlich glücklich ist…ob das das Ende ist? Dafür müsst ihr es selbst lesen!

Innen wie außen sehr liebevoll gestaltet!

Doch es ist nicht (nur) diese doch manchmal sehr bizarre Geschichte um Urs und seine Panda-Wesenheit, die dieses Buch für mich ausgemacht hat. Es ist eher alles, was damit zusammenhängt und was der Autor so geschickt in die Geschichte eingewoben hat.
Da wäre zum einen Urs wirklich schrecklich anstrengende und unsympathische Lebensgefährtin Karolin, Juniorprofessorin der Theaterwissenschaft und selbsternannte intersektionale Postfeministin, die den zurückhaltenden und gutmütigen Urs gerne als maskulin territorial bezeichnet, während sie sich selbst in seiner Wohnung breit macht, sich alles was ihm wichtig ist unter den Nagel reißt, respektlos mit ihm umgeht und sich und ihre Gäste von ihm bedienen lässt. Immer wieder kommentiert sie als Über-Ich Urs’ Gedanken und Handlungen bis er sich endlich davon frei machen kann. Sie ist einfach ein wunderbares Beispiel dafür, wie falsch verstanden Feminismus sein kann, was dazu führt, dass dieser Bezeichnung leider immer noch manchmal ein negatives Image anhaftet.
Auch die Darstellung der Arbeit in einer Werbeagentur fand ich spannend zumal der Autor weiß wovon er schreibt, da er selbst als Kreativdirektor, Regisseur, Texter und Übersetzer für Unternehmenskommunikation tätig ist. Ich konnte mir richtig gut vorstellen, wie oft das kreative Werbefachmensch-Gehirn bei den “tollen” Ideen der Kunden innerlich die Augen verdrehen muss.
Ja und dann kommt da der politische und gesellschaftliche Diskurs im Zusammenhang mit der Anerkennung seiner Wesenheit. Wenn man das politische Geschehen auch nur ein bisschen verfolgt und hin und wieder Talk Shows (oder Ausschnitte davon oder auch einfach nur irgendwelche Youtube-Videos) schaut, weiß man, dass es gar nicht so etwas Außergewöhnliches, wie die offizielle Anerkennung einer Tierwesenheit braucht, um haarsträubende Diskussionen und Empörung auszulösen (da reicht auch so etwas Banales und Logisches wie eine Maskenpflicht zur Eindämmung einer globalen Pandemie!). Dieser spezielle Fall ist aber so herrlich satirisch ausgeschlachtet. Es kommen Politiker, Experten, Philosophen und Celebrities zu Wort, bei denen sich der Autor gar nicht die Mühe gemacht hat die Anspielung auf das reale Pendant zu verschleiern. Nein hier haben Philosoph Ruprecht David Richards und die Vertreterin der Nationalen Alternativen Petra Beatrix von Höggemeulher und einige weitere “Bekannte” ihren Auftritt. Und diese Anspielungen sind so treffend!
Hinzukommt, dass mir der Schreibstil einfach unglaublich gut gefallen hat. Er lässt sich leicht und flüssig lesen und passte trotzdem mit gekonnten Ausschmückungen und Anspielungen zum allgemeinen Thema des Buches und zum akademischen Grad und kreativen Beruf des Protagonisten (und des Autors!).

Insgesamt ist Brumm! eine witzige, originelle, manchmal etwas abgedrehte aber insgesamt überzeugende Gesellschaftssatire, die anerkannte Identitäten in Frage stellt, Rechte von Minderheiten thematisiert und der Medienlandschaft und dem politischen und gesellschaftlichen Diskurs und teilweise sogar der internationalen Politik den Spiegel vorhält.
Zwischendurch hätte ich mir manchmal ein Ende gewünscht, nicht, weil ich nicht hätte weiterlesen wollen, sondern, weil es sich einfach an mehreren Stellen schon rund anfühlte. Doch letztendlich hat das tatsächliche Ende dem ganzen nochmal einen interessanten und surrealen Charakter verliehen, der Raum für Interpretationen lässt. Interessiert, was das jetzt bedeutet? Dann lest das Buch! :)

Vielen Dank für mein Rezensionsexemplar an den Autor Helmut Barz!

Anzeige//Angaben zum Buch

Titel: Brumm! – Eine schwarz/weisse Fabel für das postfaktische Zeitalter
Autor: Helmut Barz
Herausgeber: Edition Coeurart
erschienen am: 13. Mai 2020
Seiten: 526
ISBN: 9783966982849
Preis (Print): 15,99 €
(als eBook erhältlich: 6,99€)

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