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[Rezension] “Strafe” von Ferdinand von Schirach

Seit 2016 der Film “Terror – Ihr Urteil” erschien, wollte ich unbedingt etwas von diesem Autor lesen. Jetzt drei Jahre später ist es endlich soweit. Ich entschied mich für die Kurzgeschichtensammlung Strafe.

Worum geht’s?

In Strafe beschreibt Ferdinand von Schirach zwölf Schicksale, die zeigen, dass man das Verhalten von Menschen immer vor dem Hintergrund ihrer Geschichte sehen muss und dass die Unterscheidung zwischen Gut und Böse dahingehend betrachtet meist gar nicht so einfach ist.
In jeder Kurzgeschichte geht es, wie man es bereits von Schirach kennt, um einen Justiz-Fall. Vor dem Gesetz scheint die Sache jeweils klar zu sein, dennoch sieht man sich als Leser*in immer mit einer größeren dahinterstehenden moralischen Frage konfrontiert.

Meine Meinung

Ich bin zwiegespalten.
Die Kurzgeschichten lesen sich leicht und flüssig, was wahrscheinlich vor allem an von Schirachs neutralem, distanzierten Schreibstil liegt. Er nimmt damit jede Wertung heraus und lässt den Leser nur anhand der Tatsachen, der Geschichten der Protagonisten zu einem jeweils eigenen Urteil kommen. Dennoch ist die Einsamkeit, die Verzweiflung, die Zerrissenheit der Personen spürbar. Man taucht trotz der Kürze der Geschichten direkt in ihre Schicksale ein.
Das alles führte dazu, dass ich das Buch in wenigen Stunden beendet hatte und ja, das Ende jeder einzelnen Geschichte kam wie ein Schlag, war überraschend, ein Schock, ungemütlich und regte mich definitiv zum Nachdenken an.

“Katharina sah die Frau an und die Frau sah Katharina an. Katharina begann zu weinen. Sie weinte, weil die Geschichte der Zeugin ihre Geschichte war und weil sie die Geschichte der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mehr.”

“Die Schöffin” von Ferdinand von Schirach (aus Strafe)

Leider hat mich das Buch jedoch nicht ganz so nachhaltig bewegt, wie ich es im Vorfeld erwartet hatte. Schon kurz nachdem ich es beendet hatte, viel es mir schwer, mich genau an die einzelnen Geschichten zu erinnern. Positiv hervorheben muss ich hier die Geschichte Subotnik, die mich wirklich nachhaltig berührt und erschüttert hat und den Zwiespalt, in dem sich Strafverteidiger wahrscheinlich tagtäglich wiederfinden, darstellt. Zerrissen zwischen eigener Moralvorstellung und Verachtung für das Verbrechen und ihrem Berufsethos…
Insgesamt hatte ich jedoch erwartet, noch mehr an meine eigenen moralischen Grenzen gebracht zu werden. Bei den meisten Geschichten fiel es mir recht leicht, mir mein persönliches Urteil zu bilden. Vielleicht hätte ich sie mehr sacken lassen müssen. Vielleicht wäre es besser gewesen, jede Geschichte für sich und nicht alle hintereinander wegzulesen.
Als Nachfolger von Verbrechen und Schuld ist Strafe nun schon der dritte Kurzgeschichten-Band von Schirach, der einem ähnlichen Schema zu folgen scheint. Ich werde den Vorgängern auf jeden Fall noch eine Chance geben und vor allem seine Romane interessieren mich sehr.

Fazit

Auf eindrucksvolle und gleichzeitig ernüchternde Art und Weise zeigt von Schirach mit dieser Kurzgeschichtensammlung die Schwachstellen unseres Justizsystems auf. Ist die Rechtslage klar oder scheint sie es auch nur zu sein, interessiert sich kaum einer für den einzelnen Menschen und seine Geschichte dahinter. Von Schirachs distanzierter Schreibstil verzichtet auf Wertungen und lässt den Leser eigene Schlüsse ziehen. Für sich genommen handelt es sich um interessante Geschichten über Gut und Böse, Richtig und Falsch, über Einsamkeit, das Gefühl, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein, über Hoffnung und Scheitern.
Alle schnell hintereinander gelesen, hinterließen sie bei mir leider nicht wirklich den erhofften bleibenden Eindruck sondern verschwimmen aufgrund ihrer ähnlichen Schemata schnell ineinander.
Mein Tipp daher: die Geschichten einzeln, vielleicht mit etwas Abstand voneinander lesen und in Ruhe darüber nachdenken, statt hindurchzuhetzen wie ich.
Mich konnte Strafe nicht so überzeugen, wie ich es erwartet hatte. Dazu hätte es mich emotional und moralisch noch mehr aufrütteln müssen. Dennoch wurde mein Interesse an von Schirachs Geschichten und seiner Art, Menschen mit seinen Geschichten, dem einfachen klaren Stil mit so großer Wirkung und gar nicht so klaren Themen, in den Bann zu ziehen, weiter entfacht und ich hoffe in den Vorgänger-Bänden sowie seinen Roman noch mehr und bleibend davon beeindruckt zu werden.

Vielen Dank an das Bloggerportal und den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplars.

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Titel: Strafe
Autor: Ferdinand von Schirach
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
erschienen am: 05. März 2018
Seiten: 192
ISBN: 978-3630875385
Preis (gebundenes Buch): 18,00 €

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