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[Rezension] “Die Geschichte der schweigenden Frauen” von Bina Shah

Dieses Buch hatte mit seinem Klappentext sofort meine Aufmerksamkeit.
Thematisch sollte es Ähnlichkeiten zu Margaret Atwoods Der Report der Magd haben, welches ich vor zwei Jahren geradezu verschlungen habe. Ich hatte somit hohe Erwartungen.

Worum geht’s?

Green City ist eine gigantische grüne Oase mitten in der Wüste irgendwo in Süd-West Asien, entstanden nach einem zerstörerischen Atomkrieg, dem sogenannten Ultimativen Krieg. In dieser abgeschlossenen Zivilisation hat sich eine neue Gesellschaftsordnung etabliert. Der Krieg und Krankheiten haben zu einem unausgewogenen Geschlechterverhältnis geführt. Es gibt deutlich weniger Frauen als Männer und somit auch zu wenig Kinder. Um die Bevölkerung wieder aufzubauen, werden die Frauen mit Medikamenten vollgepumt und gezwungen mehrere Männer zu ehelichen und viele Kinder in die Welt zu setzen. Widerstand, sowie Empfängnisverhütung werden unter harte Strafen gestellt.
Wenige Frauen haben den Mut, aus diesem System auszubrechen, doch ein paar haben eine geheime Zuflucht vor den Toren der Stadt geschaffen, die Panah. Um sich zu finanzieren, bieten die dort lebenden Frauen, den Männern in der Stadt gewisse Dienste an. Es geht dabei nicht um Sex, sie sind keine Prostituierten. Vielmehr geben sie den Männern das, was auch ihnen in dieser Gesellschaft am meisten fehlt. Ein offenes Ohr, Nähe, Zuneigung und Trost. Eine Dienstleistung, die vor allem auch von den Reichen und Mächtigen gerne in Anspruch genommen wird… Selbstverständlich sind diese Arrangements für beide Seiten mit einem hohen Risiko verbunden.

Meine Meinung

Bereits nach wenigen Seiten hatte mich diese Geschichte gefesselt. Im Gegensatz zum Report der Magd, erleben wir diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, auch aus der Sicht ein paar Männer.
Sabine ist als junges Mädchen aus der Stadt geflohen, als sie ihre erste Zwangsverheiratung befürchtete. Sie wurde in der Panah aufgenommen und hat dort ein Zuhause gefunden. Doch die Arbeit dort fällt ihr nicht leicht und die Dämonen ihrer Vergangenheit verfolgen sie.
Lin leitet die Panah als Nachfolgerin ihrer Tante, die sie damals aus der Stadt entführte, als ihre Mutter starb. Sie ist sich der hohen Verantwortung für die Frauen bewusst und bereit, jedes Risiko für ihre Sicherheit einzugehen. Als Sabine eines Tages nicht von der Arbeit aus der Stadt zurückkehrt, ahnt sie Schlimmes und setzt alles in Bewegung um sie zu retten. Dabei ist sie auf die Hilfe eines mächtigen Kunden angewiesen, zu dem sie ein mehr als nur geschäftliches Verhältnis pflegt. Doch wem kann sie in dieser Welt wirklich trauen.
Neben den beiden Frauen, erfahren wir auch noch etwas über ein paar andere Mädchen in der Panah, ihre Vorgeschichte und ihre Schwierigkeiten, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Später wechselt die Perspektive auch häufiger in die Sicht zweier Männer, die immer mehr in die Geschichte verwickelt werden. Zudem bekommen wir einige Aufzeichnungen von Lins Tante über den Aufbau der Panah sowie aus einem Handbuch für Bürgerinnen Green Citys zu lesen, was die entwicklung dieser Gesellschaft noch etwas klarer stellt.
Die häufigen Perspektivwechsel, sowie der Schreibstil der Autorin sorgen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Die Geschichte ist unglaublich spannend.
Green City ist ein schrecklicher Ort für Frauen, aber auch die Männer sind nicht wirklich glücklich. Die pakistanische Autorin entwirft hier eine Zukunft, die für viele Frauen in anderen Ländern der Welt jedoch auch der heutigen Wirklichkeit gar nicht so unähnlich ist. Während die Frauen zwar offiziell wie Prinzessinnen behandelt werden und aufgrund ihrer geringen Anzahl aber enormen Wichtigkeit für den Wiederaufbau der Bevölkerung einen besonderen Schutzstatus genießen, haben sie keine freien Entscheidungsmöglichkeiten, werden in Ehen mit mehreren Männern gezwungen und können sich ohne sie kaum frei bewegen. Doch auch für die Männer hält dieses Leben einige Entbehrungen bereit. Von Liebe und Zuneigung können die wenigesten in ihren Ehen sprechen. Einige entscheiden sich somit sofort lieber für die Karriere als die Ehe. Andere nutzen die Dienstleistungen der wenigen “freien” Frauen.

Bina Shah zeichnet mit ihrem Roman eine schreckliche Zukunftsvision. Die mich die meiste Zeit mit ihrer Spannung in den Bann ziehen konnte. Nur im mittleren Teil zog sich die Erzählung für mich etwas zu sehr, was vor allem an dem für mich oftmals zu distanzierten Schreibstil lag. Man konnte sich die Verzweiflung der Frauen aufgrund der Umstände zwar vorstellen, jedoch fehlte es mir, die innere Zerrissenheit, das Leiden der Protagonistinnen wirklich zu spüren. Dieser recht einfache klare Schreibstil führte zwar zu einem schnellen Lesetempo, war mir jedoch etwas zu kalt für die Situationen die er beschreibt. Um nochmal den Vergleich zum Report der Magd zu ziehen: Bei Atwoods Roman spielt sich das meiste im Innenleben der Protagonistin ab, wodurch ihre Verzweiflung, Zerrissenheit und Resignation mir das Herz die meiste Zeit fest umklammert hielt. Das schafften hier eher die beschriebenen Lebensumstände. Tatsächlich fand ich die Perpektive der Männer fast noch emotionaler. Im mittleren Teil kamen zudem einige Dinge zusammen, die mir nicht ganz schlüssig erschienen bzw. bei denen ich die Handlungen der Personen nicht ganz nachvollziehen konnte, was mich etwas störte. Hier wirkte einiges etwas unglaubwürdig und gewollt, um den Plot weiter voranzutreiben. Das grandiose wirklich gelungene Ende machte diese kleinen Kritikpunkte jedoch wieder wett.

Fazit

Die Geschichte der schweigenden Frauen ist eine beklemmende, schreckliche Zukunftsvision, die thematisch tatsächlich viele Ähnlichkeiten mit Der Report der Magd aufweist. Stilistisch spielt dieser Roman jedoch viel mehr mit dem temporeichen Plot und den schnellen Perspektivwechseln, als mit dem nachdenklichen Innenleben der Personen. Meine kleinen Kritikpunkte, wie die emotionale Distanz zu den Protagonistinnen sowie kleine für mich nicht ganz schlüssige Plotelemente, wurden durch das wirklich gelungene Ende wieder ausgeglichen.
Insgesamt eine gelungene feministische Kritik und spannende, ja erschreckende und zumindest für einige Frauen auf dieser Welt gar nicht so weit hergeholte Dystopie, die sich wirklich flüssig lesen lässt und für ein kurzweiliges aber auch nachdenklich stimmendes Lesevergnüngen sorgt.

Vielen Dank an NetGalley für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplares!

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Titel: Die Geschichte der schweigenden Frauen
Autorin: Bina Shah
Übersetzung: Anette Charpentier
Verlag: Golkonda
erschienen am: 05. April 2019
Seiten: 336
ISBN: 978-3946503941
Preis (gebundene Ausgabe): 22,00 €
eBook: 15,99€

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4 thoughts on “[Rezension] “Die Geschichte der schweigenden Frauen” von Bina Shah”

  1. Hallo Ricy,
    die Rezension ist die überaus gut gelungen! Das Buch habe ich schon eine Weile auf meiner Merkliste, doch die meisten anderen Rezis haben mich zweifeln lassen, ob ich das Buch lesen soll. Thematisch ist es genau mein Ding. Doch wenn ich denke, dass das Buch nicht über 3 Sterne herausragen wird, dann mag ich es nicht lesen. Will ja begeistert sein. Die Kritik, die du anführst ist toll und nachvollziehbar. Danke dafür. Ich denke, ich werde mich trauen, meine kostbare Lesezeit für das Buch zu verwenden. :-)
    GlG, monerl

    1. Hallo monerl,

      auf Goodreads habe ich dem Buch 4 Sterne gegeben, obwohl ich zunächst wegen der angeführten Kritikpunkte zwischen 3 und 4 geschwankt habe. Die Geschichte ist halt wirklich plot-driven…das führt finde ich häufig dazu, dass nicht immer alles ganz nachvollziehbar ist. Meiner Meinung nach hätten die Charaktere sich oft klüger, für einfachere Lösungen entscheiden können. Aber wer weiß, wie man selbst in einer Welt, in der man niemandem trauen kann, entscheiden würde…

      LG Ricy

      1. Danke für die Info! Hab dich bei GR gerade gefunden und angeklickt! :-) Danke auch für die ausführliche Antwort. Ja, wer weiß, wie wir wirkich in so nem Fall reagieren würden. Die Autorin hat sich sicherlich auch versucht in ihre Charaktere hineinzuversetzten.

        Ach ja, “Der Report der Magd” fand ich auch grandios! Bald kommt ein zweiter Teil dazu, wie ich das gelesen habe. Zudem gibt es auch bald die 3. Staffel zur Serie. Kennst du die auch? Erst dachte ich, ich will sie nicht sehen. Dann war ich doch so neugierig und hab beide Staffeln verschlungen. Die erste ist quasi das komplette Buch. Die zweite ist eine mögliche Fortsetzung. Ich finde aber, dass sie total gelungen ist. Ich kann sie dir jedenfalls empfehlen, obwohl ich sonst kein TV schaue. Vielleicht einmal im Jahr. hihi
        GlG, monerl

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