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[Rezension] “Die Hochhausspringerin” von Julia von Lucadou

Ein Buch, das ich für dieses Jahr eigentlich gar nicht mehr eingeplant hatte, über das ich aber einfach immer wieder gestolpert bin und dessen Beschreibung mich einfach so interessiert hat, dass ich es nicht weiter aufschieben konnte. Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou.

An dieser Stelle möchte ich dem Hanser Verlag danken, der mir das E-Book als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat!

Worum geht’s?

In einer dystopischen Welt der Zukunft erhält die Wirtschaftspsychologin Hitomi  den Auftrag die berühmte Hochhausspringerin Riva wieder zu reanimieren. Riva weigert sich nämlich von einem Tag auf den anderen, weiter zu trainieren und zieht sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Sollte sie nicht bald wieder angemessen ihrer Aufgabe nachkommen, wäre eine Rückkehr zu ihrer alten Leistungsfähigkeit immer unwahrscheinlicher, was ihre Investoren alles andere als erfreuen würde. Außerdem würde ihr Creditscore sinken, was für sie einen sozialen Abstieg zur Folge hätte.

Riva ist es gewohnt, dass ständig Kameras auf sie gerichtet sind, doch ahnt sie nicht, dass sie in jeder Sekunde von Hitomi beobachtet wird, die versucht, den Grund für Rivas Rückzug herauszufinden, um sie daraufhin wieder davon überzeugen zu können, ihr Training wieder aufzunehmen.

Denn auch für Hitomi steht viel auf dem Spiel. Auch sie muss ihre Aufgabe erledigen, ihren Chef von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugen. Sonst droht auch ihr irgendwann die Ausweisung in die sogenannten Peripherien.  Die Gegenden außerhalb der Stadt, die von Armut und Verwahrlosung geprägt sind und in denen die Menschen ein Leben in Elend und Bedeutungslosigkeit führen.

Meine Meinung

Julia von Lucadou erschafft in ihrem Debütroman eine erschreckende Welt, die unsere heutige Tendenz zur Leistungsgesellschaft auf die Spitze treibt. Schon kleine berufliche Erfolge und Misserfolge können über das weitere Leben der Menschen bestimmen. Alles was die Menschen tun wird gespeichert, analysiert und ausgewertet. Sie sind vertraglich verpflichtet, sich gut um ihre Gesundheit zu kümmern, Sport zu treiben, genug zu schlafen, sich gesund zu ernähren. Aber nicht um ihrer Selbst Willen, sondern um weiterhin maximal Leistungsfähig zu bleiben. Sogar psychologische Beratungen werden von den Unternehmen angeboten. Beraten wird natürlich nur dahingehend, dass der Ratsuchende für das Unternehmen möglichst nützlich bleibt.
Die Familie wie wir sie kennen gibt es gar nicht mehr. Kinder werden in den Peripherien geboren und sofort in Heimen untergebracht. In diesen werden sie möglichst früh auf ihren beruflichen Weg vorbereitet und immer wieder zu Castings geschickt, in denen die Besten herausgepickt werden, um an Akademien in der Stadt weiter ausgebildet zu werden.
Die Partnersuche passiert vorwiegend über Dating-Plattformen auf denen einem nur potenzielle Partner vorgeschlagen werden, die möglichst gut zum eigenen Karrierebild und zum eigenen Lebensstil passen, denn natürlich soll vermieden werden, dass Beziehungskrisen, die Produktivität beeinträchtigen.

Je mehr man über diese Zukunftsvision nachdenkt, desto klarer wird einem, wie viel davon schon real ist.
Überwachung, Leistungsdruck vom frühesten Kindesalter an, der ständige Drang zur Selbstoptimierung, allgegenwärtige Werbung, das Phänomen der Influencer, Ratings und Scores für alles und jeden…das alles sind Themen, die die Autorin in diesem Roman auffasst, überspitzt und zu einer beunruhigenden Zukunftsvision zusammenspinnt. Zu einer Welt in der Menschlichkeit keinen Platz mehr hat.

Der Schreibstil ist recht schnörkellos und flüssig, sodass sich das Buch für mich schnell lesen ließ. Zunächst fand ich ihn allerdings etwas zu kalt und emotionslos, zumindest, bis ich richtig in die Geschichte eingetaucht bin. Dann passte plötzlich alles und er repräsentierte diese Welt einfach perfekt: gefühlskalt und effizient.

Dieses Gedicht von Sylvia Plath, das die Autorin für die Einleitung ausgewählt hat, passt einfach unglaublich gut zur Stimmung und Thematik des Buches!

Über die Charaktere erfährt man außer dem, was gerade passiert, nicht viel. Wir erfahren nur, dass die Protagonistin Hitomi ungewöhnlicherweise in der Stadt aufgewachsen ist und ihre “Bio-Eltern”, wie sie in dieser Welt fast abwertend genannt werden, sogar gekannt hat, bis diese irgendwann den Kontakt abbrachen. Wir erfahren außerdem, dass familiäre Bilder sie beruhigen, was ihr persönlich jedoch wie ein peinlicher, möglichst zu unterdrückender Fetisch vorkommt.
Auf der Akademie hatte sie eine Freundin, die das System in Frage stellte und plötzlich verschwand. Ansonsten ist Hitomi ein Musterbeispiel einer Karrierefrau und hat auch scheinbar außer ihrem Job kein Leben. Über Freundinnen oder Hobbys erfährt man nichts. Beruflicher Erfolg ist alles für sie.

“Ich hatte gehofft, dass du weiter kommen würdest, sagte sie bei unserem letzten Gespräch. Dass du mehr machen würdest aus deinem teuren Stück Leben.”

Die Hochhausspringerin, Julia von Lucadou

Riva ist als junges Mädchen in den Peripherien entdeckt worden und relativ schnell zum Star der Sportakademie aufgestiegen. Sie hatte Werbeverträge, gewann viele Meisterschaften und verkehrte in den besten Kreisen. Bis sie plötzlich aufhörte zu trainieren und mit niemandem mehr sprach.

Dass die Charaktere so undurchschaubar bleiben und fast karikaturistisch diese Welt darstellen, zeigt für mich wiederum wie wenig Persönlichkeit dort bedeutet. Die Eine tut alles, um dem System zu dienen, produktiv zu sein, die Andere bricht gerade alle Regeln. Beiden droht jedoch das gleiche Schicksal. Nur die Leistung zählt.

Fazit

Wieder einmal eine spannende Dystopie, die zum Nachdenken über unsere Gesellschaft anregt, und ein starkes Debüt.
Die Hochhausspringerin hat mich gefesselt und bewegt.
Anders, als das Thema vermuten lässt, lässt sich das Buch leicht und flüssig lesen und hat mir einige spannende Lesestunden beschert, Hoffnung in mir geschürt und mich am Ande sprachlos und – passend zur Thematik – ein wenig ernüchtert zurückgelassen. Mehr will ich nicht verraten.

Meine Empfehlung: Lesen!

Werbung // Angaben zum Buch

Rezensionsexemplar*

Titel: Die Hochhausspringerin
Autorin: Julia von Lucadou
Verlag: Hanser Literaturverlage
erschienen: Juli 2018
Seiten: 288
ISBN: 9783446260399
Preis (gebunden): 19,00€
als E-Book erhältlich: 14,99€

Hier geht’s zum Buch!**

*Rezensionsexemplare erhalte ich im Austausch gegen meine ehrliche Meinung.
**Werbung wegen Verlinkung

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2 Kommentare

  1. Hey Ricy,

    das Cover ist mir öfter begegnet, aber so richtig Interesse hatte ich daran nicht. Dystopien sind immer so eine Sache. Steril, gefühlskalt, mechanisch und dann die Rebellion dagegen. Daher habe ich sehr Wenige gelesen.

    Das Thematisieren der Leistungsgesellschaft finde ich wichtig und wenn ich deine Rezension richtig lese, ist diese Vison gar nicht so unrealistisch. Ich kenne es selbst aus dem Job. Von wegen Work-Life-Balance… Am Ende ist das Funktionieren wichtig und berechenbar zu bleiben.

    Danke für die Beschreibung deiner Eindrücke.

    Liebe Grüße
    Tina

    • Hallo Tina,

      ja genau, ich finde es immer wieder erschreckend wie wenig man zur Realität nur hinzudichten muss, um schreckliche Dystopien zu erschaffen.

      Ich persönlich finde diese Geschichten immer unglaublich spannend und lese die sehr gerne…mittlerweile fallen mir täglich Dinge in der Welt auf, die sich zu einer richtig guten Dystopie machen lassen würden….das ist wirklich beunruhigend.

      Die (erfolgreiche) Rebellion kommt ja nicht immer in diesen Geschichten. Oftmals sind es er die persönlichen Zweifel der Protagonisten oder eine Rebellion des Einzelnen, die schlussendlich nicht viel bewirkt…was diese Visionen immer noch erschreckender macht. Die große Rebellion mit Happy End gibt’s ja vor allem im Young Adult Bereich…ist zumindest mein Eindruck :)

      Danke für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße
      Ricy

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