Bücher Rezensionen

Rezension: “Homeless” – Levi Wiedemann

Der erste Band einer mitreißenden Geschichte über das Leben auf der Straße – über Liebe, Verrat, Freundschaft und Misstrauen…

Nachdem ich vor zwei Tagen endlich “richtig” mit “Homeless” angefangen hatte, habe ich Teil 2 “Homeless Redrum” an diesem Wochenende auch direkt noch verschlungen! Aber erstmal zu Teil 1…

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Titel: Homeless
Autor: Levi Wiedemann
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (2016)
Seitenzahl: 272
Preis (Taschenbuch): 11,99 €
ISBN: 9781530100743

 

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Kurzbewertung

Der erste Eindruck: 4Sterne
Die Story: 4Sterne

Die Charaktere: 3,5Sterne

Die Erzähltechnik: 3sterne

Der Schreibstil: 3,5Sterne

Die Aussage: 5Sterne

Titel und Cover:5Sterne

Mein Fazit:  4,0 Sterne

Inhalt

Homeless erzählt die Geschichte des 16-jährigen John Hartwell, der seine Familie im wohlhabenden Londoner Stadtteil Notting Hill zurückgelassen hat und nun versucht, sich auf den Straßen der fiktiven Kleinstadt Braxton durchzukämpfen. Gemeinsam mit ein paar anderen Straßenkids findet er Unterschlupf im Betonklotz, einem heruntergekommenen und kaum genutzten Parkhaus. Doch kurz bevor der Herbst richtig Einzug erhält und die Nächte unerträglich kalt werden, geht ihre Bleibe eines Nachts unter mysteriösen Umständen in Flammen auf.
Mehr schlecht als recht versucht sich die Gruppe weiter durchzuschlagen und eine neue Unterkunft zu finden. Der nasskalte englische Winter macht dies natürlich nicht einfacher. Es gibt auch andere obdachlose Jugendliche in Braxton, die in einer alten Fabrik hausen…mit Heizung und fließend Wasser. Doch kann John ihnen und vor allem ihrem zwielichtigen Anführer Cain trauen und warum ist Patrick, das selbsternannte Oberhaupt seiner eigenen Gruppe, ihm gegenüber so feindselig gestimmt? Als wäre das nicht alles schon genug, gibt es da auch noch ein Mädchen in der Gruppe – Carrie – die John gehörig den Kopf verdreht.

Meine Meinung

Als ich mich am Freitag als Auftakt zum Wochenende endlich richtig auf dieses Buch einlassen konnte, war ich sofort von der Geschichte gefesselt und habe Band 1 und 2 dann direkt an zwei Tagen verschlungen. Der Autor fackelt nicht lange und lässt den Leser direkt in das Geschehen und die Straßenatmosphäre eintauchen. Flüssig folgt ein Ereignis aufs andere, sodass es nie langweilig wird. Da ich bereits in einem Praktikum für mein Studium, sowie später ehrenamtlich mit Obdachlosen gearbeitet habe, ist die Thematik für mich nicht neu. Mir ist klar, dass es unglaublich viele verschiedene Gründe geben kann, auf der Straße zu landen und dass viele die Freiheit auf der Straße einem Leben in Zwängen vorziehen, aber auch, wie gefährlich und traumatisch dies sein kann. Dennoch war es für mich unglaublich interessant, dieses Leben intensiv aus der Sicht eines nicht mal volljährigen Jungen zu erleben und ich kann sagen, dass dieses Buch es keinesfalls verherrlicht oder in irgendeiner Form romantisiert, was ich vorher etwas befürchtet hatte. Keiner der Jugendlichen würde auf der Straße leben, wenn er die Wahl hätte.

Auch John als Protagonist hat mir ganz gut gefallen. Ich konnte seinen Hass auf seine Familie und seine Verzweiflung sehr gut nachvollziehen, allerdings war er mir genau, wie viele andere Charaktere in dem Roman etwas zu sprunghaft, was seine Entscheidungen und Einstellungen anging. Im einen Moment kann er Patrick nicht leiden, hält ihn für ungerecht, aggressiv und unberechenbar und im nächsten ist er für ihn plötzlich der geborene Anführer, auf den er sich jederzeit verlassen kann. Diese veränderten Ansichten sind ja durchaus realistisch passieren aber viel zu schnell. Ähnlich verhält es sich in seiner Beziehung zu Carrie. Obwohl die beiden sich ja schon lange kennen müssen, entwickelt sich so plötzlich eine unsterbliche Liebe, die aber auch genauso schnell wieder in Frage gestellt werden kann?

Ähnlich ist es mit den Handlungen und Ereignissen.  Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass sich der Autor sich etwas mehr Zeit bei einigen Erzählsträngen gelassen hätte. Stattdessen folgte eins aufs andere, was zwar zur Spannung und zum Lesefluss beitrug, manche Entscheidungen der Charaktere aber als etwas unüberlegt und überstürzt und zudem wenig glaubwürdig erscheinen ließ. Vielleicht trägt das Leben auf der Straße aber auch dazu bei, sich schnell an kleinste Hoffnungsschimmer zu klammern, Angebote anzunehmen und genauso schnell Dinge und Menschen hinter sich zu lassen…
Die Liebesgeschichte zwischen John und Carrie stand für mich oft ein wenig zu sehr im Vordergrund – vielleicht, weil ich eigentlich keine Liebesgeschichte erwartet hatte – und war auch vor allem durch die genannte Sprunghaftigkeit für mich ziemlich überladen. Aus etwas anfänglich so Unschuldigem wurde ziemlich sehr schnell großer Ernst, das hat mich etwas genervt. Andererseits passt es vielleicht wie schon gesagt auch zu dieser Situation der Einsamkeit, sich sehr schnell an etwas zu klammern.
Johns innere Monologe haben mir zudem sehr gut gefallen, sie waren tiefgründig und oftmals weise.

Der Schreibstil hat mir aber im Gegenteil zum für meinen Geschmack etwas etwas zu rasanten und holprigen Erzählaufbau sehr gut gefallen. Der Autor nutzte an den richtigen Stellen einen direkten, einfachen und sehr nüchternen Schreibstil, in anderen Situationen z.B. in Johns Gedanken und inneren Monologen, war dieser jedoch viel bildhafter und spielerischer, sodass man sich einzelne Passagen sogar als eigenständiges Gedicht vorstellen könnte.

“…Ich hänge also einfach da und spüre, wie sich der harte Beton der Realität nähert. Es liegt an mir, mich zu entscheiden. Werde ich aufprallen oder werde ich mich immer wieder ein klein wenig nach oben kämpfen, nur um wieder ein Stück weiter zu fallen, wenn der Halt nachlässt? Ich greife nach dem Messer in meiner Tasche, trenne den letzten Faden, der mich hält, und bereite mich auf den Aufprall vor. Es ist besser so, als würde es unvorbereitet passieren. Ich bin bereit für die Landung. Ich komme fest mit beiden Füßen auf dem Boden auf und stelle fest, dass es doch gar nicht so schlimm ist, wenn man sich fallen lässt. Es ist nur die Angst vor dem Sturz, die Panik vor dem Neuanfang, den Veränderungen.” (S. 76/77)

Die Aussage bzw. Relevanz des Buches fand ich ebenfalls toll bzw. wichtig. Nur selten gibt es Romane über jugendliche Obdachlose, obwohl alleine in Deutschland laut der Offroad Kids Stiftung jährlich ca. 2500 Jugendliche ab 12 Jahren wenigstens zeitweise auf der Straße landen. Zudem werden die Jugendlichen in Wiedemanns Roman nicht in eine Schublade gesteckt. Es sind keine verzogenen Ausreißer, auf der Suche nach Freiheit und Anarchie, die betteln und stehlen, Drogen nehmen und in den Innenstädten herumlungern. Es sind auch nicht nur Jugendliche, die durch ein sozial benachteiligtes oder nicht vorhandenes Elternhaus schon irgendwie in dieses Leben hineingeboren wurden. Zudem wird das Leben auf der Straße keineswegs durch Freiheit, Zusammenleben mit anderen Jugendlichen und Lagerfeuerromantik verherrlicht. Eher wird dem Leser hier die harte Realität von Kälte, Hunger, Misstrauen und Einsamkeit, trotz vieler Mitstreiter vor Augen geführt.

Obdachlosigkeit ist ein wichtiges Thema, das bei ca. 335.000 (Stand 2016) wohnungslosen Menschen in Deutschland und einer steigenden Wohnungsknappheit keineswegs unter den Teppich gekehrt werden darf. Auch sollte man nicht nur die Menschen sehen, die einem mit einer Alkoholfahne einen Euro am Bahnhof abschwatzen wollen, womit ich nicht sagen will, dass diese Menschen weniger zu bedauern sind…im Gegenteil. Ich will darauf hinaus, dass es nicht DIE Obdachlosen gibt. Wie sich Menschen, die auf der Straße leben, verhalten und wie sie mit ihrer Situation umgehen ist genauso unterschiedlich, wie die Gründe, die sie dorthin geführt haben. Nur ein Ereignis kann dazu führen, dass man den Boden unter den Füßen verliert, das plötzlich alles den Bach heruntergeht. Dass einige dann die Flucht in Alkohol und Drogen antreten ist ja auch irgendwie nicht verwunderlich. Immerhin geht man jede Nacht mit der Sorge schlafen, allem und jedem ausgeliefert zu sein, nachts vielleicht zu erfrieren, am nächsten Tag vielleicht nichts zu essen zu finden oder dass einem die letzten Habseligkeiten auch noch geklaut werden. Und selbst wenn einen z.B. die Sauferei erst in die Obdachlosigkeit gebracht hat, gab es höchst wahrscheinlich auch einen Grund, warum man damit angefangen hat. Wegen irgendetwas ging es einem sehr schlecht und sie hatten vielleicht niemanden, der sich für sie interessiert hat, der gemerkt hat, in welche Richtung das geht und sie unterstützt hat, eine Lösung zu finden. Dann ist zuerst der Job weg, dann das Geld und wenn man entweder nicht die Kraft hat, sich Hilfe zu holen, oder man sich zu sehr schämt auch irgendwann die Wohnung…
Und der Weg aus der Obdachlosigkeit heraus ist auch nicht einfach, obwohl man in Deutschland durchaus mehr Hilfe bekommen kann als in vielen anderen Ländern. Als Mensch “ohne festen Wohnsitz” einen Job oder eine neue Wohnung zu finden ist aber auch hier nicht so leicht, gerade beim derzeitigen Wohnungsangebot….

Das sind alles Dinge die man im Hinterkopf behalten sollte. Und es sind Themen die in diesem Buch gut aufgefangen werden. Hinzu kommt speziell die Problematik der Jugendlichen, die sich an keine richtige Hilfe, ja nicht mal an das Krankenhaus wenden können, aus Angst, in ein Heim gesteckt oder zu ihren Eltern zurückgebracht zu werden, vor denen ja viele gerade erst geflohen sind.

Ich finde, dass man in diesem Roman einen guten Einblick in die Probleme, die Gefühlswelt und das Leben obdachloser Jugendlicher bekommt. Durch die Liebesgeschichte zwischen John und Carrie wird aber auch deutlich, dass es andererseits ganz normale Jugendliche mit “alltäglichen” Problemchen sind.

Das Cover-Design finde ich ziemlich passend und auch der einfache Titel fasst gut zusammen, worum es grundlegend in diesem Buch geht.

Fazit

Insgesamt ist es ein schöner und leicht zu lesender Roman, der mich vor allem durch seine Thematik überzeugte. Die schnelle und lockere Erzählweise war mir zwar oftmals zu holperig und sprunghaft, trug aber sehr stark zum Lesefluss und Spannungsaufbau bei – sonst hätte ich nicht beide Bände an einem Wochenende gelesen.

Ein spannender Debütroman von einem jungen und vielversprechenden Autor!

Die Rezension zu Homeless: Redrum (#2) folgt in den nächsten Tagen!

Die Infos zur Obdachlosenstatistik habe ich von folgenden Quellen bezogen:
Off Road Kids Stiftung
Spiegel Online 

 

Eure Ricy

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