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Rezension: “Lolita” – Vladimir Nabokov

“Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo – Li – Ta […] sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in ihren Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen.
In meinen Armen war sie immer Lolita.”

Lolita, Vladimir Nabokov S. 9

…so beginnt DER große Klassiker von Vladimir Nabokov, der damals in den 50ern verständlicherweise für großes Aufsehen gesorgt hat.

Es könnte die Einleitung zu einer herzzerreißenden erotisch aufgeladenen Liebesgeschichte sein, wenn man nicht bereits wüsste, dass Lolita ein Kind und der Ich-Erzähler Humbert Humbert ein erwachsener Mann Ende Dreißig ist.
Da man es weiß – da ich es wusste – habe ich mich schon nach den ersten Sätzen gefragt, ob ich die nächsten über vierhundert Seiten durchhalten werde, ob ich mir diese widerliche Erzählung eines Pädophilen, bei der sich die Sozialarbeiterin in mir nur fragen würde, wie viele solcher Fälle es wohl gibt, die dem Jugendamt entgehen, überhaupt bis zum Ende antun möchte….

Nun, ich kann sagen: es war jede Seite wert! Auch wenn es einem oft starke Nerven abverlangt.
Dieses Buch vereinte bei mir wie kein anderes, welches ich je gelesen habe, die Faszination für die Sprache mit dem Ekel vor dem Protagonisten, ja der Fassungslosigkeit über die Handlung.

Aber kurz zurück zum Inhalt. Mehrfach verfilmt, in Songs adaptiert und der Name sogar zu einer feststehenden Bezeichnung für frühreife “Kindfrauen” geworden, ist die Handlung dieses Romans wahrscheinlich den meisten im Groben bekannt.
Erzählt wird aus der Sicht des Protagonisten Humbert Humbert, der sich besonders von jungen Mädchen kurz vor der Pubertät bis zum frühen Teenageralter hingezogen fühlt, die er als Nymphchen oder Nymphetten bezeichnet.
Als er auf der Suche nach einem Zimmer zur Untermiete, die Tochter seiner Vermieterin kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er heiratet sogar die Mutter, um dem Kind nah sein zu können. Als die Mutter kurz darauf, unmittelbar nachdem sie von seinen wahren Absichten erfahren hat, bei einem tragischen Unfall stirbt, macht er sich mit Lolita auf einen Roadtrip durch die USA.

Sowohl Vorwort als auch Nachwort sollten hier unbedingt gelesen werden. Das Vorwort ist nämlich eigentlich schon eine Einleitung bzw. ein Prolog zur eigentlichen Geschichte, denn darin wird erklärt, dass sich der Protagonist in Untersuchungshaft befindet und die folgende Geschichte als eine Art Beichte verfasst. Es wird auch nochmal darauf hingewiesen, dass die verzweifelte Ehrlichkeit seines Berichtes, den Autor keinesfalls von seinen Sünden freispricht und man vom seinem Buch hingerissen sein kann, obwohl man den Autor verabscheut. Das fasst im Übrigen ziemlich genau meine Gefühle für dieses Buch zusammen.
Und dann geht eben diese “Beichte” mit dem oben aufgeführten Zitat los.
Und es ist tatsächlich unfassbar mit welch emotionaler, leidenschaftlicher und zärtlicher Art dieses schreckliche Thema behandelt wird.
Jedes Mal wenn einem wieder bewusst wird über welche Person der Protagonist gerade nachdenkt, ist es wie ein schlag in die Magengrube. Obwohl man doch von seiner Liebe zu Lolita durch seine unglaublich künstlerische, spielerische Sprache, von seinen liebevollen Beschreibungen hingerissen sein müsste. Aber genau das ist der Punkt, der einem dann plötzlich wieder klar wird, obwohl diese wunderbare Sprache einen etwas anderes glauben lassen möchte: Es ist keine Liebe – zumindest keine ehrliche.
Meiner Meinung nach wird der Roman fälschlicherweise oft als tragische, weil verbotene, Liebesgeschichte beschrieben.
Tragisch vielleicht für Humbert, höchstwahrscheinlich zerstörerisch jedoch für Lolita.
Letztendlich nutzt er seine Macht über sie aus, hält sie durch Versprechungen über aufregende Erlebnisse und tolle Geschenke bei Laune, schüchtert sie durch Drohungen, was mit ihr geschehen könnte, wenn es jemand erfahren würde, ein und beutet sie sexuell aus. Dass seiner Schilderung scheinbar eine rosarote Brille aufgesetzt ist, dass er sich dabei zwischendurch fragt, was das wohl mit ihr macht, dass er sie zwischenzeitlich doch wieder auf eine Schule schickt, um seiner Verantwortung nachzukommen und vor allem nicht dass er versucht durch Hinweise auf andere pädophile Beziehungen in der Geschichte, oder dadurch, dass er seiner Meinung nach letztendlich von Lolita verführt wurde, von seiner eigenen Schuld abzulenken, macht die Sache nicht besser. Er ist ein widerlicher Protagonist, der neben seiner verwerflichen sexuellen Neigung auch noch deutlich narzisstische Züge hat. Widerlich, narzisstisch, aber unglaublich gut dargestellt.
Lolita ist, obwohl nur durch Humberts Augen betrachtet und in erster Linie nur das Objekt seiner Begierde, ebenfalls sehr viel vielschichtiger als man zunächst denkt. Sie ist ein vorlautes Mädchen, das schon früh mit seinen sexuellen Reizen spielt und sich Humbert tatsächlich in gewisser Weise anbietet, was ihn natürlich keineswegs entlastet, da er der Erwachsene ist.
Auf der anderen Seite, gibt es Momente, in denen Lolitas Zerrissenheit, ihre Angst, ihre Trauer, ja ihre Verstörung zum Ausdruck kommen, wenn auch meist nur sehr versteckt. Diese Anzeichen werden von Humbert nicht näher beachtet, er lässt solche Dinge vielmehr in kleinen Nebensätzen einfließen, versucht davon abzulenken beziehungsweise sie sogar schönzureden, erinnert sich nur rückwirkend betrachtet daran. Man erkennt es als Leser in alltäglichen Dingen oder man erfährt durch die Schulleiterin, dass Lolita sich nicht wie die anderen Mädchen in ihrem Alter verhält und hofft einfach nur, dass mal jemand genauer nachhakt.
Seine Liebe zu Lolita ist demnach zweifelhaft, oft genug ist er von ihren kindlichen Interessen, ihrer frechen Art sogar genervt. Dass einige Leser meinen, gegen Ende des Buches würde man seine tatsächliche Liebe zu ihr erkennen, als sie kein Kind mehr ist und er dennoch weiter mit ihr zusammen sein will. Das ist meiner Meinung nach eher seinem Narzissmus und seinem gefühlten Besitzanspruch auf sie geschuldet.

Obwohl einem das Thema zuwider ist, ist es ein mitreißendes, aber natürlich nicht ganz einfaches Buch.
Ich habe selten ein Buch gelesen, das an diese kunstvolle Sprache herankommt.
Ich muss dazu sagen, dass ich nach etwa 50 Seiten der englischen Lektüre, zur deutschen Ausgabe gewechselt bin, da mir die englische einfach zu schwer war.
Nabokov hingegen bedauert im Nachwort, dass seine englische Sprachgewandtheit noch weit hinter seiner russischen zurücksteht. Ich kann nur sagen, dass ich auch von der deutschen Übersetzung begeistert war und mir kaum einen ausgeschmückteren, ungebundeneren, reicheren (Wörter, die er selber für seine russische Sprache benutzt)Schreibstil vorstellen kann. Ebenfalls dem Nachwort entnehmen kann man Nabokovs Gedanken zu dem Roman und seiner Wirkung auf den Leser. Zunächst einmal distanziert er sich (glücklicherweise) vom Protagonisten und erklärt zudem, dass man mit keinem moralischen Anspruch an die Lektüre herangehen sollte. Er habe keine andere Absicht verfolgt, als die, sich das Buch vom Hals zu schaffen.

Und so bleibt man mit diesem Monster eines Buches und dieser zugegeben sehr unbefriedigenden Erklärung des Autors als Leser zurück. Mich beschäftigte das Buch so sehr, dass ich mich danach tagelang auf kein anderes konzentrieren konnte und ich kann nicht einmal genau sagen warum.

Fazit

Eine Leseerfahrung zwischen zwei Extremen: Faszination und Ekel. Alleine aufgrund des Schreibstils ist Nabokovs Lolita für mich ein wahres Meisterwerk. Dass es mich dazu aufgrund seiner Thematik beziehungsweise der vielfältigen Eindrücke etwas sprachlos und sehr nachdenklich zurücklässt macht es zusätzlich zu etwas sehr Besonderen, wenn nicht Einzigartigen. Nabokov beweist, dass man schreckliche Handlungen ausgeführt von einem abgrundtief verabscheuenswürdigen Protagonisten fast schön, oft liebevoll und durchgehend mitreißend beschreiben kann. Ein Paradox das ich, obwohl schon mehrfach über dieses Buch gelesen, bisher kaum für möglich gehalten habe.
Ich kann nur die Empfehlung aussprechen, diesem Buch eine Chance zu geben. Sicherlich kann es nicht jeder über sich bringen, es zu lesen, aber jeder, der es versuchen will, sollte sich dazu seine eigene Meinung bilden.
Ich kann meine ja selbst kaum in Worte fassen und dennoch weiß ich schon jetzt, dass es ein Buch ist, welches mir lange in Erinnerung bleiben wird – ob nun mit einem positiven oder negativen Gefühl – aber definitiv mit nichts vergleichbar und als sehr berührend.

Titel: Lolita
Autor: Vladimir Nabokov
ursprünglich erschienen: 1955

in dieser Ausgabe erschienen bei: Axel Springer AG, Berlin (Oktober 2012)
ISBN: 978-3-942656-47-4

(c) Cover: Axel Springer AG
Beitragsbild: Ricarda Schneider

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5 thoughts on “Rezension: “Lolita” – Vladimir Nabokov”

  1. Sehr ehrliche und tief gehende Rezension, offenbar passend zum Buch. Auf jeden Fall ist nun dieser Klassiker ein ganzes Stück weiter nach oben gewandert in meiner Liste der noch zu lesenden Bücher. Dafür meinen herzlichsten Dank!!

  2. Schöne Rezension. Für mich ist Lolita zu einem Lieblingsbuch geworden. Kaum ein Buch ist literarisch so reich. Reich an Sprache, Ebenen, Rätseln. Ich finde jeder sollte dieses Buch gelesen haben, denn Lolita lehrt einem tatsächlich viel über Literatur, was sie kann und ich persönlich habe bei der Lektüre auch viel über mich und mein Leseverhalten gelernt.

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