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Rezension: “Coraline” – Neil Gaiman

coraline

Titel: Coraline
Autor: Neil Gaiman
Illustrationen von: DaveMcKean
Verlag: Harper Collins (24. April 2012)
usprünglich erschienen: 2002
Seiten: 208
ISBN: 978-0380807345
Preis (Taschenbuch, englische Ausgabe): 4,99€

 

Seit ich eines Nachts in einer schlaflosen Anwandlung den Fernseher angemacht und über eine nächtliche Wiederholung der Verfilmung gestolpert bin, hatte ich den Wunsch, diese kleine Geschichte auch einmal zu lesen. Und ich habe es nicht bereut.

Inhalt

Dieses “Kinderbuch” handelt von dem kleinen Mädchen Coraline, das mit seinen Eltern in ein altes merkwürdig verwunschenes Haus zieht. Da die Schule noch nicht begonnen hat und ihre Eltern den ganzen Tag mit irgendwelchen wichtigen Erwachsenendingen beschäftigt sind, macht sich Coraline auf eine Erkundungstour durch das Haus, die angrenzenden Wohnungen und die Ländereien.
Besonders interessant ist, die Tür zur angrenzenden, leer stehenden Wohnung, deren Durchgang eigentlich zugemauert ist. Doch eines Nachts ist dieser offen und führt in eine Art Parallelwelt. Diese ist eine merkwürdige Kopie des wirklichen Hauses und seiner Bewohner. Auch ihre Eltern kommen vor, zwar irgendwie anders, mit schwarzen Knöpfen an Stelle ihrer Augen und anderen kleinen Unterschieden und mit einem für sie ganz ungewohnten und besonderem Interesse für Coraline…

Meine Meinung

“Coraline” wird gemeinhin vor allem als Kinderbuch bezeichnet. Natürlich ist es eine nette, wenn auch ziemlich düstere Gruselgeschichte für Kinder, aber auch noch viel mehr. Es geht um Gut und Böse, um Identität, um den Unterschied von Kindern und Erwachsenen, um ziemlich kluge Kindergedanken und nicht zuletzt um Coralines unbefriedigten Wunsch, mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern zu bekommen.

Außer Coraline und ihren Eltern gibt es noch einige andere sehr skurrile Charaktere. Da gibt es die zwei alten ehemaligen Schauspielerinnen Miss Forcible und Miss Spink sowie den Zirkuskünstler Mister Bobo, die ebenfalls im Haus wohnen und auch in der Parallelwelt in leicht veränderter Art vorkommen. Außerdem gibt es eine schwarze Katze, die in der anderen Welt sprechen kann und zu besonders klugen Dialogen mit Coraline und in der ansonsten oft bedrohlich bedrückenden Handlung zu kleinen Verschnaufpausen beiträgt, da sie in der Parallelwelt offenbar die einzige andere unabhängige “echte” Figur ist.

Coraline muss im Lauf der Geschichte sehr viel Mut aufbringen, um ihre Eltern zu retten. Ihr wird klar, dass der Schein oft trügt und sie lernt, hinter die Fassaden zu blicken. Die Erzählung spielt mit der Vermischung von Realität und (Alp-)Traumwelt, von Bewusstem und Unbewusstem und hat daher auch für Erwachsene einiges zu bieten.

Folgende Zitate verdeutlichen meiner Meinung nach diesen Eindruck, dass das Buch, neben seiner Handlung, für ein Kinderbuch sehr viel Tiefe besitzt, sehr gut:

“I don’t want whatever I want. Nobody does. Not really. What kind of fun would it be if I just got everything I ever wanted? Just like that, and it didn’t mean anything.” S. 145

“It is astonishing just how much of what we are can be tied to the beds we wake up in in the morning, and it is astonishing how fragile that can be. ” S. 81

“Spiders’ webs only have to be large enough to catch flies.” S. 89

“‘No’, said the cat. ‘Now you people have names. That’s because you don’t know who you are. We know who we are so we don’t need names.” S. 43

Coraline, Neil Gaiman

Im Buch finden sich zudem einige unheimliche Illustrationen von Dave McKean, welche meiner Meinung nach sehr gut zu der düsteren Stimmung des Buches beitragen.

Fazit

Als ich damals nachts über diesen Film gestolpert bin, habe ich ihn nur in Ausschnitten gesehen.
Oft habe ich nun schon die Meinung gelesen, dass der Film besser sei als das Buch und die besondere düstere Atmosphäre besser darstellen würde.
Nun dazu kann ich, wie gesagt, noch nicht viel sagen. Aber ohne den ganzen Film zu kennen, würde ich Coraline als sehr gelungenes, gruseliges Kinderbuch beschreiben, welches auch Erwachsene zum Nachdenken (und Gruseln) bringen kann!

4Sterne

Das Buch hat mich in vielerlei Hinsicht sehr an Alice im Wunderland von Lewis Carroll erinnert. Es ist vielleicht weniger Märchenhaft, dafür etwas düsterer/gruseliger.

(c) Cover: Harper Collins
Beitragsbild: Ricarda Schneider

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4 Kommentare

  1. Für mich fühlt sich der kurze Roman ein wenig an wie ein Kinderbuch, das für Erwachsene geschrieben wurde. Genauer: für Jugendliche und Erwachsene, die das gute Gefühl haben wollen: „krass, so düster können Kinderbücher eben auch sein!“ Verknüpft mit dem nostalgischen Gefühl: „hätte ich doch früher selbst solche Bücher gehabt“.
    Das soll nicht heißen, dass Coraline schlecht ist. Es liest sich gut runter. Eine relativ gradlinige Heldenreise mit einer ansprechenden düsteren Oberfläche, wie alles was Gaiman macht ein wenig gothic/punk. Aber wenn man näher hinschaut bleibt da nicht viel mehr als die Oberfläche. Der Konflikt, der Coralines Realitätsflucht zugrunde liegt wird kaum entwickelt, bleibt entsprechend generisch. Daraus folgt auch, dass das Meiste, was im „anderen Haus“ angetroffen wird, eher auf Schock-/Coolnesswert getrimmt wirkt als aus der ursprünglichen Erfahrungswelt des Mädchens entwickelt (da ist der Film tatsächlich konsequenter). Die Botschaft kommt dann auch über „Mut ist etwas zu machen, obwohl man Angst hat“ nicht heraus. Das ist generell ein Pferdefuß bei Gaiman, besonders in seinen Kinder/Jugendbüchern. Der Autor scheint überzeugt, dass man all die Kämpfe des realen Lebens UNBEDINGT kämpfen muss und die Schlechtigkeit der Welt ertragen, mit der Begründung tut er sich allerdings schwer. Was das betrifft ist das so hip daherkommende „Coraline“ moralisierender und „elternhafter“ als viele andere Kinderbücher: „weil es so ist!“, wer hasste diesen Satz in seiner Kindheit nicht?

    • Ich finde es ist eher umgekehrt…wenn man davon ausgehen würde, dass es ein Roman ist, der in erster Linie für Erwachsene geschrieben wurde, dann würde ich dir Recht geben und sagen: gut, die moralische Botschaft ist wirklich etwas oberflächlich und platt. Wenn ich es jetzt aber versuche aus der Sicht eines Kindes zu sehen, so habe ich ganz oft die Erfahrung gemacht, dass mir bei vielen “Kinderbüchern” die eigentliche sehr subtile, versteckte moralische Botschaft erst sehr viel später als Jugendliche oder Erwachsene aufgefallen ist. Als Kind hingegen haben schon kleine oberflächliche Dinge gereicht, um mich zum Nachdenken zu bringen und meine Fantasie anzuregen, quasi als kleiner Input. Würden die einzelnen Ansätze, die hier nur kurz in den Raum geworfen und als gegeben angesehen werden, alle ausgiebig beleuchtet, wäre es wahrscheinlich alleine vom Umfang her kein Kinderbuch mehr. Für mich als Erwachsene geben sie aber nette Extras, über die man mal nachdenken kann. Ich finde auch, dass die Botschaft sich nicht alleine auf “Mut ist etwas zu machen, obwohl man Angst hat” zu reduzieren lässt. Für mich ging es auch vorwiegend darum, dass Coraline ihrer Welt aus Langeweile entfliehen möchte und in einer sehr viel spannenderen Welt landet, jedoch lernen muss, dass nicht alles so ist wie es scheint. Das ist natürlich eine ziemliche moralische bzw. pädagogische Keule, wenn man es so nennen soll, nach dem Motto “Geh nicht mit dem fremden Mann mit, nur weil er sagt er habe Hundebabys im Auto…”. Aber Kinderbücher werden eben von Erwachsenen geschrieben, natürlich oft mit der Absicht, Kindern eine Botschaft zu übermitteln und etwas beizubringen, hier z.B. in erster Linie ein gesundes Misstrauen zu haben. Und das ist auch genau der Punkt an dem Coralines Realitätsflucht und ihre eigentliche Erfahrungswelt aufeinanderprallen: Sie will aufmerksame, interessantere Eltern, die sie, wie sie zuerst denkt, in der anderen Welt findet.
      Dass es dabei “spannend gemacht” ist ist meiner Meinung nach auch nicht verwerflich.
      Das Gefühl, dass die Story Coraline lehrt, “dass es so ist!”, hatte ich nicht. Sie erschafft sich eine Traumwelt, in der sie eine Heldin ist und sie geht gestärkt daraus hervor. Sich Traumwelten zu erschaffen und daran zu lernen, ist eine Fähigkeit, den vielen Kindern heutzutage aufgrund zahlreicher “Beschäftigungsmöglichkeiten” abhanden kommt. Coraline hat mich, wie sie da so gelangweilt durch die Ländereien stapft etwas an mich als Kind erinnert…wir haben uns auch so manche oft nicht wenig gruseligen Welten ausgedacht…in irgendeiner Form eingeschränkt haben wir uns dadurch nicht gefühlt.
      Für ein Erwachsenenbuch sind meiner Meinung nach tatsächlich einige Punkte, die ein Kind wahrscheinlich sowieso überlesen würde, ein wenig zu oberflächlich gehalten.

      • Gehen wir mal davon aus, dass sie sich tatsächlich die Traumwelt erschafft. Ich halte das für zweifelhaft, da es dann keinen Grund gäbe, warum diese sich so monströs entwickelt. Aber gut: dieser Traumwelt fehlt einfach die konsequente Verbindung zu Coralines Alltag – mehr als „Meine Eltern sind dort die ganze Zeit für mich da“ ist da nicht. Und lernt Coraline denn tatsächlich, was die einzige halbwegs durchdachte Lektion wäre, dass zu viel Fürsorge vielleicht auch nicht gut ist? Dass sie fürs bemuttern (und bevatern) vielleicht eigentlich schon zur wachsen ist? Nein, die andere Welt wird einfach unglaublich „böse“. Begründung dafür in Coralines Seelenleben… kaum.

        In dem Klassiker der Anderwelt-Geschichten, Alice im Wunderland, ist das von Anfang an durchdacht. Alice ist ein Kind, das sich mit schrecklicher erwachsenen Dingen herumplagen muss, Schule, Hausaufgaben, Logik, Sprachen usw. Aber der freien Assoziation des Wunderlandes rückt sie mit genau diesen Mitteln auf den Leib, steht immer schon ein wenig quer zu dieser Traumwelt. Im Gerichtsprozess schließlich erhebt sie sich (auch physisch) so weit über die Anderen (Sie wächst mit der Morchel), dass sie wieder raus muss aus dem Wunderland. Das Spiegelland ist dann gleich ganz aufs Erwachsenwerden angelegt: Vom Bauern zur Königin. Und tatsächlich spiegelt es dabei die ganze Zeit Alices Spiel mit den Katzen, in dem sie sowieso schon eine Erwachsene spielt.

        Gaiman liefert dagegen nie einen inneren Grund, warum man sich nicht dauerhaft in Traumwelten fliehen kann. Nicht nur in Coraline. Noch krasser im (ja auch oberflächlich spannenden) Graveyardbook:

        Die „Man Jacks“ sind besiegt, die Jugendliebe des Protagonisten ist mit Nobody wieder vereint. Der versteht aber, dass er durch alles was passiert ist zu sehr von der kindlichen Idylle früherer Zeit entfremdet ist, um alte Liebe aufleben zu lassen, und er geht hinaus in die Welt, um „sein Glück zu machen“. Der Junge entwächst also der geordneten und sicheren Totenwelt, nur um mit wenig Geld und ohne Bildung den Erfolg in einer von der Totenwelt nur kaum unterscheidbare Sphäre einzutauchen, die ihn doch wieder dahin führen wird, von wo aus er gerade aufgebrochen ist. Die Barbarei der Konkurrenzgesellschaft wurde in den Schulszenen, die Unüberwindbarkeit des Todes im Kapitel Dance Macabre sogar thematisiert, was lockt also ins „Reale“? Die Totenwelt unterscheidet sich von der Welt der Lebenden im Buch doch nur dadurch, dass man nicht nochmal sterben muss. Sexualität als der vielleicht einzig vertretbare Grund auf ewige, übersinnliche Sicherheit zu verzichten und im wahrsten Sinne des Wortes „ein bisschen zu leben“ wird extra ausgeklammert – passt nicht ins Kinderbuch. Was also bleibt? Der Kampf ums Überleben als Selbstzweck.

  2. Ich muss zugeben, dass ich noch kein anderes Buch von Gaiman gelesen habe, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe. Deinen Schilderungen nach sollte ich das lieber bleiben lassen?
    Dann würden mir vielleicht auch einige Aspekte noch negativer auffallen…ist ja oft so: “schon wieder die gleiche Leier!”

    Natürlich kommt es bei weitem nicht am Alice im Wunderland heran. Da gebe ich dir vollkommen recht, der Vergleich ist auch alleine auf das Spiel mit der Traumwelt bezogen. Die Story bei Alice ist bis ins kleinste Detail durchdacht und alles hat irgendwie eine besondere und symbolische Bedeutung. Das ist bei Coraline natürlich nicht gegeben…den inneren Grund warum sie dort nicht bleiben kann, gibt es ja schon. Sie merkt dass es nicht ihre Eltern sind, sondern böse Kreaturen, die sie einsperren wollen. Dabei merkt sie dass die richtige Welt vielleicht nicht total spannend ist, aber dennoch besser und dort ist sie zumindest frei. Deshalb macht sie sich daran, ihre Eltern aus den Fängen der anderen Mutter zu befreien.
    Ich finde, dass es dem Anspruch genügt: Ein spannendes kurzweiliges und dennoch einigermaßen anspruchsvolles und eher tiefgründigeres (wenn man es mit anderen vergleicht) Kinderbuch zu sein, an dem ich auch als Erwachsene eine gewisse Freude hatte.
    Je mehr ich jedoch darüber nachdenke desto mehr fallen mir natürlich auch einige Schwächen auf(wo ist das nicht so?)…Ich kann deine Kritik also durchaus verstehen, denke aber auch dass es auf der anderen Seite einfach eine kurze Gruselgeschichte für ist, von der man nicht allzu viel Tiefgang erwarten kann. Es soll ja auch eine Novelle, kein Roman, sein und ist demnach gar nicht darauf ausgelegt, moralische Konflikte bis ins Kleinste zu erörtern.
    Dass einem dabei (als Erwachsener) etwas fehlt kann ich aber dennoch verstehen!

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