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Rezension: “Montana” – Joshua Smith Henderson

 

Da der Protagonist, so wie ich, Sozialarbeiter ist und mich zudem seit Winter’s Bone von Daniel Woodrell die dunkle Seite des ländlichen Nordamerikas irgendwie in ihren Bann gezogen hat, klang der Klappentext bereits vielversprechend für mich. Das Cover, das einen direkt in Atmosphäre amerikanischer Weite und Trostlosigkeit katapultiert, tat dann sein Übriges und ich musste das Buch einfach lesen. Ich wurde nicht enttäuscht!

Worum es geht…

Protagonist ist der Sozialarbeiter Pete Snow, der im ländlichen Montana der späten 1970er Jahre, das immer mehr durch Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum, Waffennarren und Bibelfanatiker geprägt ist, im Auftrag des sozialen Familiendienstes kaputte Familien betreut und alles daran setzt, den Kinder- und Jugendschutz zu wahren, was nicht selten dazu führt, das Kinder aus den Familien genommen und in Pflegefamilien oder staatlichen Einrichtungen untergebracht werden müssen. Durch diese Arbeit lernt er den Jungen Benjamin kennen, der mit seinem Vater Jeremiah Pearl, einem religiösen Fanatiker und Verschwörungstheoretiker irgendwo in den Wäldern lebt.
Als wäre seine Arbeit nicht schon stressig genug, hat er selbst privat nicht wenige Probleme: seine Ehe ist zerbrochen, seine Tochter will nichts von ihm wissen und lebt bei seiner alkoholabhängigen Ex-Frau, die dann auch noch mit ihr zu einem neuen Lover nach Texas zieht. Dort hält die Tochter es nicht lange aus und verschwindet kurze Zeit später spurlos. Hinzu kommt noch, dass sein Bruder ein polizeilich gesuchter krimineller ist. Der Leser begleitet Pete dabei, wie dieser versucht, sein Leben und seine Arbeit irgendwie in den Griff zu kriegen und dabei nicht selten nah am Zusammenbruch steht.

Meine Meinung

Montana ist ein sehr atmosphärischer Roman der mich mit seinem Stil gleichzeitig mitriss aber auch oftmals verwirrte.

Die eigentliche Erzählform ist die eines personalen Erzähler, der in der Vergangenheitsform aus Petes Sicht erzählt. Hin und wieder wechselt das Erzählte allerdings auch ins Präsens, was zunächst verwirrend ist, wenn man sich aber einmal dran gewöhnt hat deutlich zu der intensiven Wirkung der Geschichte beitragt. Das kommt zum Beispiel vor wenn der genaue Ablauf einer Situation besonders deutlich hervorgehoben wird, oder wenn eine andere Person Pete etwas erzählt. So sind auch Dialoge nicht immer eindeutig durch wörtliche Rede gekennzeichnet. Sondern gehen manchmal gefühlt fließend in Petes Gedanken oder eine Beschreibung des Geschehens über.
Nochmal deutlich davon abgegrenzt, sind Passagen, die zwischen den Kapiteln um Pete eingeschoben sind. Diese handeln offenbar von seiner Tochter Rachel, die sich mittlerweile Rose nennt. Ihre Geschichte wird in Form einer Art Interview dargestellt, wobei nicht deutlich wird, wer die Fragen stellt, denn auch diese beinhalten Wertungen und Informationen, die eigentlich von ihr kommen müssten. Auch ihre Antworten sind in der dritten Person geschrieben. Es könnte also auch ein innerer Monolog, der in der Sonderform des Dialogs ihre innere Zerrissenheit verdeutlichen soll.
Klingt alles ziemlich durcheinander und schwer verständlich? Ist es auch zunächst, doch wenn man einmal im Lesefluss ist, entwickelt der Roman dadurch eine ganz eigene spezielle Wirkung, einen eigenen Rhythmus, der einen Schritt für Schritt weiter in seinen Bann zieht, weiter in die zerfurchte, verlassene, schöne und vielleicht vor allem durch die Bewohner geprägte trostlose Landschaft Montanas: ein Rückzugsort für Verlassene oder Gestrandete, für Unverstandene, für verwundete und zerstörte Gestalten.

“‘Ein Haufen Leute kommt hier her, weil sie vor irgendetwas weglaufen […] Aber die meisten von uns stellen fest, dass sie ihre Probleme mitgenommen haben.'”

Montana, Smith Henderson, S. 471

Obwohl der Stil gewöhnungsbedürftig ist, machte er diese Buch für mich besonders, ich war mitgerissen und wollte das Buch vor allem ab der Mitte kaum noch aus der Hand legen.

Was mich hingegen störte – und dieser Eindruck hielt sich hartnäckig bis zum Ende – war der, dass der Geschichte irgendwie der EINE rote Faden fehlte. Der Beginn eines neuen Kapitels wirft einen nicht selten wieder in eine ganz neue Situation, die es dann schwerfällt nachzuvollziehen. Es gibt mindestens vier wichtige “Fäden” in diesem Roman. Da ist zum einen die Geschichte um Benjamin und Jeremiah, zu denen Pete langsam versucht eine Beziehung aufzubauen, dann gibt es noch einen anderen Fall von Pete, der eine größere Rolle spielt. Dann sind da die Probleme mit seiner Ex-Frau und besonders hervorgehoben, die Befragung seiner untergetauchten Tochter. Und hinzu kommt eine neue Liebesbeziehung, die Pete eingeht. Sein krimineller Bruder und dessen Bewährungshelfer, sowie Petes autoritärer Vater und einige Freunde mit denen er offenbar oft einen über den Durst trinkt, spielen auch zwischendurch kurze Rollen. Es ist nicht immer ganz nachvollziehbar, welche Bedeutung nun welchem Faden zukommt. Manche Situationen, ja ganze Erzählfäden wirken abgehackt oder fallengelassen oder passen ersteinmal gefühlt gar nicht zu den restlichen.

Mir fiel es dadurch manchmal schwer Petes Verhalten richtig nachvollziehen zu können. Je nach Erzählfaden wirkte er wie ein anderer Mensch. Das mag natürlich auch seiner durchaus zerrütteten Psyche zuzuschreiben sein.
Pete ist ein Sozialarbeiter, der eigentlich selbst mal jemanden bräuchte, der sich einfach um ihn kümmert und dafür sorgt, dass sein Leben mal wieder in geordneten Bahnen verläuft. Seine unkonventionelle und regelverachtende Art, sowie sein übermäßiger Alkoholkonsum unterscheiden ihn manchmal nur wenig von seiner Klientel, was vielleicht dazu führt, dass er in seinem Job auch manchmal auf die professionelle Distanz pfeift. Insgesamt ein interessanter Charakter.

Der Roman hat vielleicht zu viele rote Fäden, die nicht alle zu Ende verflochten sind, dennoch ist letztlich alles auf eine langsame Annäherung von Pete und dem misstrauischen Weltverschwörer Jeremiah ausgerichtet.

Mir gefällt übrigens der englische Titel Fourth of July Creek deutlich besser. In erster Linie soll es im Buch die offizielle Adresse der Pearls sein. Doch im Hinblick darauf, dass wir es mit Systemverweigerern und Figuren, die dem American Dream wohl einfach durch das Raster gefallen sind, zu tun haben, finde ich die Zweideutigkeit dieses Titels durch die Anspielung auf den amerikanischen Nationalfeiertag einfach perfekt.

Fazit

Montana ist ein intensiver Roman, der vor allem durch seinen unkonventionellen Erzählstil und einen vielschichtigen Protagonisten hervorsticht. Wer eine gradlinige Geschichte mit klar definierten Charakteren erwartet, könnte vielleicht enttäuscht werden. Jedem, der bereit ist, diese in einem interessanten Stil verpackte Geschichte über menschliche Abgründe und die Kehrseite des American Dreams einfach mal auf sich wirken zu lassen, dem kann ich diesen Roman wärmstens empfehlen.

Eine Geschichte die lehrt, dass jeder seine Päckchen zu tragen hat. Und dass man niemanden verurteilen sollte, bevor man diese kennt.

4Sterne

Wem der Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der gerade erst bei den Oscars abgeräumt hat, gefallen hat, der könnte durch dieses Buch definitiv auf seine Kosten kommen!

Montana
Titel: Montana
Originaltitel: Fourth of July Creek
Autor: Joshua Smith Henderson
Verlag: btb Verlag
erschienen am: 12. Februar 2018
Seiten: 608
ISBN: 978-3442715947
Preis (Taschenbuch): 12,99 €Hier geht’s zum Buch!Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar im Austausch gegen meine ehrliche Meinung erhalten. 
Vielen Dank an das Blogger-Portal und die Randomhouse Verlagsgruppe für die Zusendung dieses Rezensionsexemplars!

*Diese Verlinkung kennzeichne ich als Werbung

(c)Buchcover: btb Verlag
Beitragsbild: Ricarda Schneider

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