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[Rezension] “Walden: oder Vom Leben im Wald” – Henry D. Thoreau

Ja, wo fange ich an…
Als ich gesehen habe, dass Walden als überarbeitete Neuausgabe im Manesse-Verlag als eine der schönen Manesse-Bibliothek-Ausgaben erscheint, von denen sich schon einige in meinem Regal befinden, habe ich mich riesig gefreut! Diesen Klassiker wollte ich seit Ewigkeiten lesen, da er sich thematisch für mich so interessant anhörte und ich viel Gutes darüber gelesen habe. Also kurz gesagt, ein Buch, dass ich unbedingt mögen wollte und mir auch ziemlich sicher war, dass es mir gefallen wird. Man merkt sicherlich schon an dieser Einleitung, dass es dann etwas anders kam. Aber erstmal zum Inhalt.

Worum geht’s?

In Walden berichtet der 1817 geborene Autor Henry David Thoreau über sein Leben im Wald, genauer gesagt in einer kleinen, selbstgebauten Holzhütte am Ufer des Walden Ponds in Massachusetts, in die er am 4. Juli 1845 einzog und in der er für zwei Jahre größtenteils als Selbstversorger lebte. Thoreau wuchs als Sohn eines Fabrikanten auf und konnte eine gute Bildung genießen. Mit seinem Auszug in den Wald wollte er herausfinden, wie viel man wirklich zum Leben braucht. Er beschreibt detailreich, wie er seine Hütte zimmert, ein Bohnenfeld anbaut, wie er den Wechsel der Jahreszeiten in der Nautur beaobachtet und vieles mehr. Walden ist eine bunte Mischung aus Anleitungen für Selbstversorger, Gesellschaftskritik und Naturbeobachtungen.

Meine Meinung

Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut. Ja, ich habe tatsächlich Anfang Juni begonnen, das Buch zu lesen und letztes Wochenende dann endlich beendet. Gefesselt hat es mich also nicht wirklich. Ich fand es im Gegenteil unglaublich anstrengend und langatmig!
Es begann für mich noch recht interessant. Thoreau beschreibt die Gesellschaft, in der er lebt (Neuengland, Mitte des 19. Jahrhunderts), spricht über Arbeit und Konsum und kommt zu dem Schluss, wer wenig konsumiert, muss auch nicht so viel arbeiten. Etwas, das heute eigentlich jedem klar ist, das vielfach thematisiert wurde und wird und trotzdem hat sich da beim größten Teil der Gesellschaft noch nicht wirklich etwas geändert. Wir konsumieren einfach zu gern.
Spannend ist, dass diese Überlegungen zu seiner Zeit bestimmt fortschrittlich waren, besonders seine Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit, denn unsere heutigen Probleme, wie Umweltverschmutzung, Raubbau und Klimawandel, die Nachhaltigkeit zu einer sehr dringlichen Sache machen, waren damals ja noch in weiter Ferne.

“Überflüssiger Reichtum bringt nur überflüssige Dinge ein. Für das, was der Seele nottut, ist kein Geld erforderlich.”

Walden, Henry D. Thoreau, S. 532, Manesse


An sich also eine ziemlich gute und kluge Haltung und ein lobenswerter Versuch, an sich selbst zu überprüfen, mit wie wenig man eigentlich auskommen kann.
Dennoch merkt man auch hier schon Thoreaus privilegierte Stellung. Wer hatte damals schon den Luxus, sich über zu viel Konsum beschweren zu können, wenn für viele doch die größte Sorge war, die Familie auch den nächsten Winter über noch ernähren und warm halten zu können. Wenn der Bau der neuen Eisenbahnstrecken, über die Thoreau so schimpft, für die von Armut getriebenen irische Auswanderer die große Hoffnung auf ein besseres Leben war? Thoreau hatte halt einen ziemlich guten Start ins Leben. Sein Vater war Fabrikant, er selbst hatte in Harvard studiert und hatte gut situierte, einflussreiche Freunde, die ihm unter anderem das schöne Fleckchen Land zur Verfügung stellten, auf dem er seinem Experiment nachgehen konnte.
Wie wenig man wirklich zum Leben braucht, wollte er dort herausfinden.
Und so zog er dann am Unabhängigkeitstag des Jahres 1845 hinaus in seine selbstgebaute Waldhütte (auf dem Grundstück seines Freundes Ralph Waldo Emerson) am Ufer des Sees Walden Pond.
Diese Hütte war aber längst nicht so weit von der Zivilisation entfernt, dass man sein Vorhaben wirklich als “Aussteigen” beschreiben könnte. Die Straße zur Kleinstadt Concord, seiner Heimatstadt, war nicht weit entfernt und er besuchte die Stadt weiterhin regelmäßig. Des weiteren bekam er ebenfalls oft Besuch von Freunden und Familienangehörigen und Leuten, die zufällig vorbeikamen, und bekam wohl auch hin und wieder Essen gebracht oder konnte das Nötigste in der Stadt kaufen.
Dennoch war es ihm wichtig zu zeigen, dass sich von wenigen Wochen Lohnarbeit im Jahr, das ganze Jahr über leben ließ. Die Ausgaben, die er hatte, dokumentiert er in seinem Bericht ebenso akribisch wie das Einkommen.


Er erklärt, wie er ein Bohnenfeld anlegt, wie er seine Hütte winterfest macht und womit er so seinen Tag verbringt. Zu dieser anfänglichen Gesellschaftskritik, die die Grundlage zu seinem Experiment bildet und den eingehenden Erklärungen, wie er sich in dieser Umgebung einrichtete, was er beachten musste, wie er sich ernährte (vorwiegend vegetarisch, selten fischte oder jagte er auch) und welche Arbeit dafür nötig war, kommen auch im Laufe des Buches immer mehr äußerst detailreiche Naturbeobachtungen.


Und dies führt schon zu meinem nächsten Problem, das ich mit dem Buch hatte: Der diskontinuierliche Schreibstil. Thoreau wechselt von trockenen, sachlichen aber ausführlichen Erläuterungen und Beobachtungen, die einen an Bauanleitungen oder Schulbücher denken lassen, zu umständlichen, ausschweifenden und von Metaphern und anspruchsvollen Anspielungen bespielsweise auf die griechische Mythologie, gespickten Naturbeschreibungen. Ich fand beides zu viel. Und das ständige Wechseln zwischen diesen beiden Stilen, machte es mir unglaublich schwierig weiterzulesen, geschweige denn in einen richtigen Lesefluss zu kommen.
So beschreibt er in einem Abschnitt die unterschiedlichen Tiefen des Walden Sees und wie er diese nachgemessen hat, was für sich genommen durchaus interessant aber auch etwas trocken ist, oder die unterschiedliche Dicke des Eises im Winter, dessen Beschaffenheit und Farbe, um dann im nächsten Moment, den auftauenden Boden im Frühjahr, bildreich mit einem menschlichen Körper zu vergleichen und sich in weiteren wilden Metaphern zu verstricken…
Also nochmal zusammenfassend: den Stil kann ich nicht anders als langatmig und anstrengend sowie oft unverständlich (die Metaphern und Anspielungen haben es trotz erläuternder Anmerkungen echt in sich) beschreiben, was dazu führte, das ich mich immer wieder dabei erwischte, wie ich einzelne Seiten nur noch überflog.
Und inhaltlich kommt eben hinzu, dass mir Thoreau ziemlich unsympathisch war. Er erzählt ja von sich, von seiner Kritik an der Gesellschaft und von seinem Experiment und seinen Erfahrungen, mit dem er zeigen will, wie wenig er zum Leben braucht, um glücklich zu sein. Er ist aber eben auch jemand, der bisher immer ziemlich viel oder zumindest genug hatte. Angefangen, bei einem sicheren und wohlhabenden Elternhaus und einer wirklich umfassenden Bildung. Er hat keine Kinder, für die er die Verantwortung trägt. Dann ist es natürlich auch einfach zu sagen, ich ziehe versuchsweise einfach mal in eine Hütte – auf dem Grundstück meines Freundes – verbringe meine Freizeit mit ein bisschen Gartenarbeit, handwerklichen Verbesserungen aun der Hütte, Naturbeobachtungen und dem Lesen – natürlich nur alter Klassiker im griechischen Original, denn jeder, der nur Übersetzungen ließt, der kann seiner Meinung nach die Werke gar nicht wirklich zu schätzen wissen. Dass jemand, der nicht vorher wohlhabend war, gar keine Bücher hätte, die er mit in den Wald nehmen könnte, davon ist nicht die Rede.
Klingt also schon ein bisschen überheblich, oder? Besonders, weil er es ja nicht dabei belässt, dies als Selbstexperiment zu beschreiben, sondern belehrend erklärt, dass jeder so leicht ein einfaches, besseres Leben haben könne, wenn er nur bereit ist, auf Luxus zu verzichten.
Auf zwischenmenschliche Beziehungen geht er z.B. bei seinen Erläuterungen kaum ein. Die Besuche anderer Menschen beschreibt er emotionslos, ist höchstens an ihren Geschichten, nicht aber an ihrer Gesellschaft interessiert. Und zu guter Letzt: er hat letztendlich auch nur zwei Jahre im Wald gelebt. So toll und einfach, kann es dann ja auch wieder nicht gewesen sein. Er selbst schreibt, dass er wieder in die Zivilisation zurückkehrte, weil er dachte, er habe mehr als nur ein Leben zu leben und könne für dieses nicht mehr Zeit erübrigen. Ja gut, aber dann sollte er anderen auch nicht vorhalten, dass man doch von so wenig leben kann, wenn man es denn nur wirklich versucht und sparsam und nachhaltig lebt und auf Luxus verzichtet. Diese Menschen, denen er am Anfang also einen solchen Vortrag hält, sollten also nicht genauso wie er das Bedürfnis haben, irgendwann doch MEHR zu erleben?


Er zeigt mit seinem Experiment also eher, dass es in seinem Fall möglich ist, so zu leben, vielleicht ist es für eine kurze Zeit auch mal sehr erhellend sich auf das Nötigste zu besinnen, wenn man jedoch auch noch etwas mehr als nur überleben und nur die schöne Natur erleben möchte, braucht es vielleicht doch etwas mehr. Zudem lässt er wie bereits gesagt, das Bedrüfnis nach Beziehungen, anderen Menschen und Familie komplett aus oder spricht sich sogar dagegen aus.
Er bezieht sich zu Beginn oft auf Ureinwohner und darauf, dass die Menschen ja früher auch in einfachen Verhältnissen und ohne den neuartigen Luxus und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die er kritisiert, Leben konnten. Das Problem, das ich bei diesem Vergleich sehe, ist, dass sich nicht (nur) die Menschen geändert haben, bzw. ihre Bedürfnisse, sondern dass sich die Welt geändert hat. Damals vielleicht noch weniger stark als heute oder wer kann sich heute vorstellen, ohne Startkapital einfach auf irgendeinem Grundstück eine Hütte zu Bauen, ein Feld anzulegen, ohne Berechtigung zu fischen, keine Steuern und Versicherungen zu zahlen, ohne dabei in gesetzliche Konflikte zu geraten?

Obwohl er hier so arrogant daherkommt, will ich Thoreau aber gar nicht schlechtreden. Er hat sich unter anderem für die Sklavenbefreiung und Frauenrechte eingesetzt und war insgesamt für seine Zeit ein wirklich fortschrittlich denkender Mensch!
Und der Grundgedanke hinter seinem Experiment ist auch wirklich gut! Wir alle sollten hin und wieder mal überlegen, ob wir all das, was wir konsumieren, wirklich zum Leben brauchen und ob wir uns nicht vielleicht auch ein bisschen Lohnarbeit sparen könnten, wenn wir geringere Ansprüche hätten, aber das kann man eben nicht auf alle beziehen. Wie viele Menschen haben gar nicht das Privileg, hohe Ansprüche haben zu können und können trotzdem kaum ihren Lebensunterhalt sichern? Oder gehen wir mal ganz weg von materiellen Dingen. Nur weil Thoreau, nicht den Wunsch hat eine Familie zu Gründen oder auch nur sexuelle Beziehungen einzugehen, kann er das ja nicht von allen erwarten, sonst gebe es die Menschheit ziemlich schnell nicht mehr. Und mit Kindern würde sein empfohlener Lebensstil zum Beispiel auch direkt wieder schwerer. Und es gibt viele andere Gründe weshalb seine Lösungen eben nicht auf alle anderen Menschen übertragbar sind.
Es ist eben diese arrogante und belehrende Art, alles was er macht als das Beste, seine ganz eigenen Erfahrungen als allgemeingültig darzustellen, mit der ich einfach nicht warm wurde.
Ich kann aber durchaus verstehen, warum Walden zu einer Art Grünen Bibel wurde, da es wahrscheinlich davor und auch erstmal lange danach keine derartigen Erfahrungsberichte gab.

Mit einem Großteil meiner Kritik stehe ich zumindest nicht alleine da, wie ich durch das Nachwort von Susanne Ostwald gelernt habe, das viele Hintergrundinfos und eben die unterschiedliche Rezeption seines Werkes beinhaltet. Insgesamt gefällt mir die Manesse-Ausgabe im Hinblick auf die Gestaltung, sowie die Anmerkungen und das Nachwort mal wieder sehr gut!

Fazit

Erwartet habe ich ein inspirierendes, schönes Buch über Achtsamkeit und Nachhaltigkeit und die Hinwendung zur Natur, vielleicht auch schöne Naturbeschreibungen. Bekommen habe ich aber leider vor allem die sprachlich etwas chaotischen Gedanken und literarischen Ausschweifungen eines recht privilegierten Menschen auf einem ziemlichen Ego-Trip. Aber zumindest auch wieder eine wunderschöne Ausgabe mit hilfreichen Anmerkungen und einem wirklich guten Nachwort von Susanne Ostwald, das auch unter anderem diese Kritik anspricht.
Weshalb Walden zu “einem Klassiker aller Alternativen” (Wikipedia) oder einer “grünen Bibel” wurde, ist dennoch verständlich, da Thoreau seiner Zeit ziemlich voraus war und sich bereits vor fast 200 Jahren Gedanken zum Thema Konsum und Nachhaltigkeit gemacht hat, die heute aktueller denn je sind. Wenn man also bereit ist, sich auf seinen umständlichen Schreibstil und seine ausführlichen Beschreibungen einzulassen, sollte man es lesen und sich zu weiteren möglichen Kritikpunkte selbst ein Bild machen. Literarisch hat es bestimmt einiges zu bieten, wenn man sich ganz darauf einlässt. Eine leichte oder gar entspannte Lektüre sollte man aber nicht erwarten!

Vielen Dank an den Manesse Verlag und das Bloggerportal für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplars!

Anzeige// Angaben zum Buch


Titel: Walden: oder Vom Leben im Wald
Autor: Henry David Thoreau
Übersetzung: Fritz Güttinger
Nachwort: Susanne Ostwald
Verlag: Manesse Verlag (erschienen 13. April 2020)
erstmals erschienen: 1854
Seiten: 608
ISBN: 978-3717525080
Preis: 25,00€ (Gebunden)
Buch kaufen? beim Verlag oder auf genialokal.de

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