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[Rezension] “Turmschatten” von Peter Grandl

Ein düsteres Cover, ein Thriller mit Anti-Rechts-Botschaft und ein hochspannender Fall von Selbstjustiz. Da musste ich nicht groß nachdenken, als der Autor mich fragte, ob ich das Buch lesen und auf meinem Blog/Instagram-Account vorstellen möchte. Vielen Dank an dieser Stelle für das Rezensionsexemplar!
Eigentlich wollte Peter Grandl seinen Debütroman auf der Leipziger Buchmesse bewerben, die ja leider aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallen ist.
Was für uns Buchblogger*innen und Bücherwürmer einfach nur schade war, kann für kleinere Verlage und noch unbekanntere Autoren wirklich herbe Verluste bedeuten.
Deshalb freue ich mich umso mehr hiermit einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass dieses Buch vielleicht trotzdem die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Denn es ist gut. Richtig gut!

Worum geht’s?

Ephraim Zamir, ein alter jüdischer Mann, möchte mit einer großzügigen Spende an seine Gemeinde den Bau der neuen Synagoge unterstützen. Das veranlasst eine rechtsextreme Gruppierung aus der Gegend dazu, ihm einen “Denkzettel” verpassen zu wollen. Doch dieser Überfall geht schief. Nachdem seine junge Haushälterin von ihnen getötet wird, schafft Zamir es, drei Neonazis zu überwältigen und im Keller seines Hauses, bei dem es sich um einen Turm handelt, der bereits im Zweiten Weltkrieg als Bunker diente, festzuhalten.
Zamir, der bereits während des Holocausts schreckliche Grausamkeiten erleben musste und seine Familie verloren hat, will endlich Gerechtigkeit schaffen und überträgt die Geiselnahme ins Internet. Doch nicht nur das, er fordert die Zuschauer mit einem Voting dazu auf, über Leben und Tod der Geiseln zu entscheiden, während er diese vor laufender Kamera mit ihren Vergehen konfrontiert.
Vor den Mauern des Turms versucht ein großes Polizei- und Spezialkräfteaufgebot, das noch nicht ahnt, mit wem sie es zu tun haben, irgendwie zu den Geiseln vorzudringen, während die Medien mit der Live-Übertragung jegliche moralische Bedenken übergehen und einen Quotenhit feiern.

Meine Meinung

Diese Buch ist von der ersten Seite an spannend.
Ich muss zugeben, dass ich zunächst Bedenken hatte, dass die Selbstjustizthematik und das Aufheben der Grenzen zwischen Gut und Böse, dazu führen könnte, dass man Mitleid mit den Neonazis bekommen soll oder ihre Verbrechen sogar heruntergespielt werden. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, diese Geschichte mit ihren gut recherchierten Details macht einem deutlich, was für ein heftiges Gedankengut, auch heute noch in Deutschland im rechtsradikalen Untergrund verbreitet ist.
Ich dachte sogar zu Beginn, als die ersten Neonazis vorgestellt wurden, dass doch niemand ernsthaft so drauf sein kann. Aber das zeigt letztendlich (leider) nicht, dass die Charaktere zu überspitzt oder klischeehaft dargestellt sind, sondern wahrscheinlich vielmehr, dass mir in meiner linksliberalen, westdeutschen Bubble, in der es Hitlergrüße wenn überhaupt noch in der Satire gibt, die Vorstellung, dass es eben noch Leute gibt, die wirklich so denken, scheinbar einfach sehr schwerfällt. Denn eigentlich muss man natürlich nur mal die Berichtserstattung von rechtsradikalen Demos anschauen, um eines Besseren belehrt zu werden…
Letztlich war die Ausarbeitung der Charaktere sogar das, was diese Story, neben der atemberaubenden Spannung, besonders macht.
Es gibt wirklich eine Vielzahl an Figuren, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird. Dennoch passiert es nicht, wie so oft, dass man Schwierigkeiten hat, diese auseinanderzuhalten. Jede Figur, ob nun jüdischer Geiselnehmer, Neonazi, Polizist, Bewährungshelferin oder Medienhai kommt mit einer ganz eigenen Geschichte und einem ganz speziellen Charakter daher, die in Form von immer wieder eingeschobenen Rückblenden über die fast 600 Seiten dieses Thrillers mehr oder weniger eingehend ausgebreitet wird und so die Hintergründe und Motivation der Handelnden und der Handlungen beleuchtet und die Charaktere sehr facettenreich erscheinen lässt.
Sogar Neonazi ist da nicht gleich Neonazi, denn auch diese kann man aufgrund ihrer verschiedenen Geschichten, Erlebnisse und Überzeugungen gut auseinanderhalten.
Natürlich ist die menschenverachtende rassistische Einstellung eines Neonazis absolut böse und verwerflich. Was führt aber dazu, dass ein junger Mann, der zuvor eigentlich nicht viel mit dieser Ideologie am Hut hatte, sich plötzlich einer rechtsradikalen Kameradschaft anschließt, deren Überzeugungen internalisiert und bereit ist diese dann auch noch gewaltsam auszuleben?
Darf man, auch wenn einem selbst, der eigenen Familie, einem ganzen Volk ein unfassbares Unrecht und schreckliche Grausamkeiten angetan wurden, selber zum Mörder werden um diese Taten zu rächen?
Natürlich ist es die Aufgabe eines Polizisten in einem Rechtstaat, Geiseln aus der Gefangenschaft zu befreien und allen Beteiligten einen fairen Prozess zu ermöglichen. Und ist es nicht dennoch verständlich, wenn der Polizist sich bei der Überlegung ertappt, wessen Leben er lieber retten möchte? Ist es moralisch vertretbar, eine solche Geiselnahme als Fernsehsender live zu übertragen und die Quoten durch dramatische Bilder und gekaufte Interviewgäste weiter anzustacheln? Und wie viel Schuld tragen die Zuschauer, die über Leben und Tod der Geiseln entscheiden? Wer ist überhaupt Schuld daran, wenn etwas so aus dem Ruder läuft und wie gehen die Beteiligten mit diesen Schuldgefühlen um?

All das sind Fragen, die man sich als Leser*in bei der Lektüre dieses Buches stellen muss und die einem die wirklich gut ausgearbeiteten Charaktere vor Augen führen.

Turmschatten ist ein hochspannender Thriller, der ebenso mit einem lebendigen, bildhaften Schreibstil und aktiongeladenen Szenen wie mit einer facettenreichen Charakterzeichnung und gut recherchierten Details besticht. Medienkritik, Rechtsextremismus und die ewige Frage nach Gut und Böse finden hier ihren Platz, ohne dass die Geschichte dadurch überladen wirkt oder an Spannung einbüßen muss. Und dennoch liefert sie mit authentischen Beispielen, die zeigen, wodurch junge Menschen anfällig für rechtsextremes Gedankengut werden können, eine wichtige Botschaft.
Irgendwann kann man das Buch gar nicht mehr weglegen und fliegt nur so durch die Seiten. Ich bin gespannt, ob dieser Thriller mal verfilmt wird. Wenn ja, wäre es großes Kino!

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Titel: Turmschatten
Autor: Peter Grandl
Verlag: Das Neue Berlin
erschienen am: 28. Februar 2020
Seiten: 592
ISBN: 978-3360013569
Preis (Hardcover): 25,00€

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