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[Rezension] “Dubliner” von James Joyce

Dank der schönen Klassiker-Ausgaben der Manesse Bibliothek, komme ich immer wieder dazu, nochmal Klassiker zu lesen. Auch solche, auf die ich sonst vielleicht nie aufmerksam geworden wäre. Bei James Joyce Dubliner ist das natürlich etwas anderes. Dieses Werk stand schon länger auf meiner “Was ich mal lesen sollte”-Liste.

Worum geht’s in “Dubliner”?

Der Titel sagt schon alles. Es geht um Dubliner. Um niemand Besonderen, einfache Bürger der Stadt.
Dubliner ist eine Sammlung von fünfzehn Storys, die jeweils das ungeschönte, alltägliche Leben im Dublin des beginnenden 20. Jahrhunderts zeigen. Die dargestellten Dubliner, sind Kinder, Männer und Frauen. Lügner, Säufer, Betrüger, Arbeitslose oder gelangweilte Angestellte und Träumer. Ein Motiv, das sich durch die meisten Erzählungen zieht, ist der Wunsch, aus diesem Alltag auszubrechen und das Gefangensein in eben diesem, die Paralyse.
Dieses Motiv wird schon sinnbildlich in der ersten Geschichte Die Schwestern eingeleitet, in der ein Geistlicher, der offenbar bei einigen Mitbürgern in Ungnade gefallen ist, nach einer Paralyse, wahrscheinlich ausgelöst durch einen Schlaganfall, stirbt.
Die weiteren Geschichten kreisen um Kinder, die die Schule schwänzen, um aus der Stadt wegzulaufen und nach der Begegnung mit einem potenziell gefährlichen Fremden, schnell wieder nach Hause laufen (Eine Begegnung). Oder um eine Frau, die die erlösende Flucht mit ihrem Liebhaber aus dem tristen Alltag und vor dem gewalttätigen Vater kurz vor Ablegen des Schiffes doch abbricht und nach Hause zurückkehrt (Eveline) und um eine Mutter die in bester Absicht von einem Konzertveranstalter einen respektvollen Umgang mit ihrer Tochter einfordert und damit alles nur noch schlimmer macht (Eine Mutter). Weitere Geschichten handeln von einem Mann, der erst in der Kneipe mit einer schlagfertigen Äußerung gegenüber seinem Vorgesetzten prahlt und dann zuhause die Wut über seine eigenen Unzulänglichkeiten prügelnd an seinem Kind auslässt (Duplikate) oder einem, der vom Künstlerleben und vom Reisen träumt und, gefangen im Familienleben, doch nie seinen Weg ändern wird (Eine kleine Wolke). Wir lesen von einem, der lieber alleine bleibt, als einen anderen Menschen zu nah an sich heranzulassen und die selbstgewählte Einsamkeit erst viel zu spät erkennt (Ein schmerzlicher Fall) und von einem Mann, dem auf einem Ball klar wird, welche Tücken im gesellschaftlichen Umgang lauern und wie schnell die Stimmung durch ein falsches Wort kippen kann (Die Toten). Und dies sind nur ein paar der Geschichten der Dubliner.
In den Erzählungen geht um moralischen Verfall, der unbestraft bleibt, um das gesellschaftliche Leben, vertane Chancen und die Lähmung der Menschen angesichts möglicher Veränderung.

Meine Meinung

Die oben genannten sind nur eine Auswahl der in Dubliner enthaltenen Geschichten, da die Inhaltsangabe sonst den Rahmen sprengen würde, aber sie zeigt das Grundthema: Personen, die aus ihrem Alltag ausbrechen wollen, die mehr wollen, etwas anderes wollen, sich anders verhalten möchten und doch immer wieder zum Gewohnten zurückkehren, Sicherheit in der Lähmung, der Paralyse finden, einfach nicht anders können, als genauso weiterzumachen oder auch einfach immer wieder gut mit ihren schlechten Angewohnheiten davonkommen.
Was Joyce als irisches Problem, als irische Lähmung sah, ist eigentlich auch heute und allgemein über die Grenzen der irischen Gesellschaft hinaus nicht weniger aktuell.
Wer kennt es nicht, den Wunsch etwas verändern zu wollen, aber irgendwie nicht zu können, immer wieder zu einem Verhalten zurückzukehren, das man doch eigentlich ändern wollte, groß zu träumen und doch in der Sicherheit in der Eingefahrenheit des Alltags stecken zu bleiben? Die – zumindest gefühlte – Unfähigkeit etwas zu verändern, die Angst vor Veränderung oder auch das Festhalten an oft schlechtem, aber Gewohntem, ist kein irisches Problem des beginnenden 20. Jahrhunderts, es ist ein zeitloses, menschliches Problem.
Und dieses wird durch den Schreibstil in Joyces Erzählungen, der einen die bedrückende Atmosphäre des Lebens der Dubliner spüren lässt, besonders deutlich.

Besonders gefallen haben mir die Geschichten Eveline, Duplikate, Ein schmerzlicher Fall und Eine kleine Wolke, da die Lähmung der Protagonisten, für mich in diesen besonders spürbar wurden. Mit Die Toten, die gemeinhin als die wichtigste Geschichte in diesem Werk gilt und wohl sogar autobiografische Elemente von Joyce enthält, konnte ich hingegen nicht so viel anfangen. Die Aussage ist hier subtiler in vielen Details verpackt, die mir ohne die Erläuterung und Interpretation im Nachwort – von Ijoma Mangold – nicht ganz deutlich geworden wäre.

Dubliner gilt als gut lesbares Einstiegswerk für Joyce und besonders für seinen großen Roman Ulysses, an den ich mich jetzt vielleicht doch mal heranwagen werde. Die Dubliner haben mich gepackt!

Zur Ausgabe

Was mir an den Ausgaben der Manesse Bibliothek besonders gefällt, ist zum einen die Kommentierung, die es einem leichter macht, die Hintergründe und Details dieser Geschichten zu verstehen und zum anderen die Nachworte. Ich muss zugeben, dass ich erst durch eine dieser Manesse-Ausgaben angefangen habe, Nachworte überhaupt zu lesen. Vorher dachte ich mir immer, ich müsse nur das Werk an sich lesen und mir dann meine eigenen Gedanken dazu machen. Stimmt ja auch oft, aber ich empfand diese Nachworte als zusätzliche Bereicherung. Das Thema des jeweiligen Werkes wird nochmal zusammenfasst und interpretiert, die Hintergründe näher beleuchtet.

Ich bin zunächst eher durch Zufall auf diese Ausgaben gestoßen und muss gestehen, dass ich diese kleine Form in ihrem Aussehen und der Haptik zunächst wirklich gewöhnungsbedürftig fand. Doch letztendlich, sind die jeweiligen Gestaltungen sehr schön zum entsprechenden Werk passend und ergeben zusammen eine schöne Sammlung, die im Regal hervorsticht. Auch die Auswahl der Klassiker, die in der Manesse Bibliothek erscheinen, ist sehr interessant und reicht von allseits bekannten Klassikern wie Frankenstein oder Kafkas Das Schloss über unbekannte, fast vergessene Werke großer Autoren wie Der Winter unseres Missvergnügens von John Steinbeck bis hin zu wirklich uralten Werken, zu denen ich trotz des wichtigen, zeitlosen Themas, sonst wahrscheinlich nie einen Zugang gefunden hätte wie Thomas Morus Utopia und viele mehr. (Klickt für meine Rezensionen auf den jeweiligen Link!).
Ich war selbst überrascht und finde diese kommentierten und teilweise neu übersetzten Ausgaben wirklich gut lesbar!

Vielen Dank an den Manesse Verlag und das BloggerPortal für mein Rezensionsexemplar!

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Titel: Dubliner
Originaltitel: Dubliners
Autor: James Joyce
Übersetzung: Friedhelm Rathjen
Verlag: Manesse
in dieser Ausgabe erschienen am:
30. September 2019
Seiten: 448
ISBN: 978-3-7175-2472-4

Hier kommt ihr zur Verlagsseite der Manesse-Bibliothek!

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