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[Rezension] “Die Skrupellosen” von Sadie Jones

Sadie Jones neuer Roman hat mich mit seinem Cover, Titel und Klappentext sofort angesprochen. Ich erwartete falsche Familienidylle und dunkle Geheimnisse und ein Ereignis, das das alles plötzlich aufliegen lässt. Habe ich das bekommen?

Zum Inhalt

Dan und Bea sind jung und führen eine noch frische und scheinbar glückliche Ehe. Während Bea als Psychologin erfolgreich ist, aber auch kein Traumgehalt verdient, schuftet Dan, der eigentlich Künstler ist, in einem Job als Immobilienmakler, den er hasst. Die beiden müssen für die Finanzierung ihrer kleinen Wohnung in London und einen dringend benötigten Urlaub jeden Penny umdrehen. Und das, obwohl Bea aus einer wohlhabenden Familie kommt. Sie weigert sich jedoch, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und das hat sie Dan von Anfang an klar gemacht. Sie hat ihre Gründe, doch die kennt Dan nicht wirklich. Er ist jedenfalls damit einverstanden, dass sie ihr Leben aus eigener Kraft aufbauen – oder? Sagen wir es so, er kann damit leben. Zumindest bis zu dem Punkt an dem er herausfindet, wie reich Beas Familie wirklich ist. Dieser Zeitpunkt kommt, als die beiden auf ihrem Roadtrip durch Frankreich, Beas Bruder Alex in seinem Hotel besuchen und Beas Eltern plötzlich dort auftauchen. Die Situation spitzt sich auf dramatische Weise zu als Alex plötzlich bei einem vermeintlichen Unfall ums Leben kommt. Schnell kommen Zweifel an der Todesursache auf und auch in der Familie sowie in Dans und Beas Beziehung wächst das Misstrauen und ungelöste Konflikte kochen hoch.

Meine Meinung

Der Klappentext dieses Romans klang wie für mich gemacht. Ich liebe Geschichten über kaputte Familien, die sich hinter einer sauberen Fassade verstecken, welche dann durch einen kleinen Auslöser zusammenbricht.
Doch leider – ich nehme es jetzt einfach mal vorweg – konnte mich dieser Roman nicht wirklich überzeugen.
Fangen wir damit an, dass ich keinen richtigen Zugang zu den Charakteren gefunden habe.
Bea und Dan haben mich die meiste Zeit einfach nur genervt, weil beide irgendwie unzufrieden sind, aber einfach nicht miteinander sprechen.
Ja, Bea mag ihre Gründe für ihr Schweigen haben, aber ab einem gewissen Punkt, konnte ich es einfach nicht mehr nachvollziehen. Dan lässt sich dann ziemlich schnell von Beas Eltern, die er zuvor nie richtig kennengelernt hatte, um den Finger wickeln, was im Hinblick auf Beas deutliche Abneigung ihnen gegenüber, zwar etwas naiv ist, aber irgendwie auch nachvollziehbar. Beas Eltern und ihren Umgang mit ihrer Tochter fand ich da deutlich interessanter und hätte mir noch mehr Beleuchtung dieser toxischen Familiensituation gewünscht. Bea und Dans Beziehung und ihr Umgang mit dem Konflikt um Geld und die Beziehung zu Beas Eltern hingegen fand ich dagegen fast befremdlich.
Hinzukam, dass die Handlung zwar schnell erzählt wird, aber einen zähen Spannungsaufbau hat, sodass die Geschichte vor allem in der Mitte des Buches für mich deutlich an Spannung verlor.
Schon auf dem Weg nach Frankreich wird deutlich, dass Bea und Dan etwas unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub, von einem angenehmen und abgesicherten Leben und von Luxus haben. Im Hotel angekommen, wird man direkt mit Alex und seinen Problemen konfrontiert, denn das Hotel ist leer und nicht einmal fertig renoviert. Die Gästebucheinträge verfasst er selbst. Er ist chaotisch und psychisch labil. Und dann erscheinen auch schon die Eltern auf der Bildfläche, alles spitzt sich nochmal zu und kurz darauf ist Alex auch schon tot.
Relativ schnell erfährt man als Leser:in, was für Beas Ablehnung ihren Eltern gegenüber ausschlaggebend war, was für mich wirklich ein Plottwist war, obwohl er sich schon subtil ankündigte. Aber dann gehen die Ermittlungen rund um Alex’ Tod los und ziehen sich in die Länge, werden durch andere ausführlich beschriebene Situationen und Nebenhandlungen unterbrochen, um dann erst recht spät ein paar Auflösungen zu liefern, die ich allerdings irgendwie unbefriedigt fand, obwohl sie schlüssig sind.

Es gibt immer wieder neue und teilweise gute Ansätze zu einem der zahlreichen Themen, die die Autorin hier aufnehmen will. Beas Gespräch mit ihrem Vater, das kleine Einblicke in das toxische Familiengefüge gewährt oder Dans Vernehmung auf dem Polizeirevier, wo er aufgrund seiner Hautfarbe und der Tatsache, dass er angeheiratet ist, sofort unter Generalverdacht gerät oder wie die Beziehung kippt, als Dan herausfindet, wie reich Beas Familie ist. Die Tatsache, dass Dan bereit wäre entgegen dem Wunsch seiner Frau mit deren Vater Geschäfte zu machen, die seiner eigentlichen Überzeugung entgegenstehen oder, dass Bea trotz ihres festen Grundsatzes und guten Gründen, niemals Geld von den Eltern anzunehmen, irgendwann doch dahingehend Kompromisse eingehen würde, um ihre Ehe zu retten oder aber auch die Darstellung von Alex, als wahrscheinlich tragischsten Charakter der Geschichte, der schon als Kind Schlimmes erlebte und anders als Bea weiterhin von den Eltern abhängig blieb, massive psychische Probleme hat und dessen heruntergekommenes Hotel niemand anderen beherbergt als ihn selbst….aber alles verläuft schnell wieder im Sande. Der Roman hätte mehrere Ansätze für ganze Charakter- und Beziehungsstudien – aber es ist eben auch nur EIN Buch, das zudem noch ein Krimi sein will.
Oft werden Situationen ausführlich beschrieben, die letztendlich nicht wirklich zum Lauf der Geschichte zu tun haben und auch nicht wirklich helfen, um Hintergründe zu beleuchten oder die Charaktere genauer darzustellen.

Der Schreibstil und auch die erzählerische Gestaltung wirken manchmal sehr aufgesetzt, als wollten sie dem Roman, eine Tiefe geben, die aber inhaltlich fehlt. Zum Beispiel beginnt der Roman damit, dass Bea aus einem Traum hochschreckt (der Klassiker…). Sie glaubt allerdings nicht, dass der Traum etwas mit ihrer geplanten Reise zu tun hat (dann wäre es vielleicht eine Vorahnung gewesen, die dem Spannungsbogen auf die Sprünge geholfen hätte), nein, sie glaubt, dass er mit einem Erlebnis am Vortag zu tun hat, das allerdings nichts mit der weiteren Geschichte zu tun hat. Später werfen Bea und ihr Bruder beispielsweise in ihrem Gespräch mit philosophischen Zitaten um sich. Die Dialoge wirken manchmal geradezu holprig.

Für mich hatte das Buch zahlreiche Ansätze aber thematisch vor allem zwei Ebenen. Zum einen die dramatische Familiengeschichte und zum anderen einen Krimi. Beide sollten zu einer sinnvollen Geschichte verknüpft werden, aber beiden fehlte etwas, um mich richtig überzeugen zu können. Die Charaktere blieben zu mir flach und die Ehekonflikte und Familiengeschichte zu oberflächlich und damit unauthentisch. Der Krimi-Teil war mir einfach nicht spannend genug – naja, bis zum Schluss, an dem dann die Story in einem actionreichen Showdown endet, der meiner Meinung nach einfach nicht zum Rest passte, aber scheinbar nochmal schocken sollte.

Mein Fazit

Direkt nach dem Lesen dachte ich, dass ich zu dem Buch einfach nicht wirklich was zu sagen hätte. Jetzt kam doch einiges zusammen. Also nochmal kurz:
Eine guter Ansatz, ein Roman über die Ehe, ein Familiendrama, ein Krimi. Von allem etwas, von allem etwas zu wenig. Trotz deutlicher Längen, vor allem in der Mitte, liest es sich aber recht locker.
Kann man lesen, muss man aber nicht.

Vielen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!

Angaben zum Buch

Titel: Die Skrupellosen
(Original: The Snakes)
Autorin: Sadie Jones
Übersetzung: Wibke Kuhn
erschienen am: 08. Mai 2021
Verlag: Penuin
Seiten: 464
ISBN: 9783328601043
Preis (gebunden): 22,00€

Buchseite beim Verlag

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