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[Rezension] “Narziß und Goldmund” von Hermann Hesse

Fast ein Jahr, nachdem ich mit Der Steppenwolf zum ersten Mal etwas von diesem großartigen Autor gelesen habe, habe ich mir als Klassiker für den April wieder ein Buch des Nobelpreisträgers vorgenommen. Dieses Mal wurde ich von Narziss und Goldmund verzaubert.

Ja, verzaubert. Anders kann ich nicht beschreiben, was diese wunderbare bildhafte Sprache Hermann Hesses mit mir macht.

“Ein Nichts war genug, um in diese dünne Haut ein Loch zu stoßen: etwas Ahnungsvolles im Klang eines griechischen Wortes mitten in der nüchternen Lektion, eine Welle Duft aus der Kräutertasche des botanisierenden Paters Anselm, der Blick auf eine steinerne Blattranke, die oben aus der Säule eines Fensterbogens quoll – solche kleine Anreize genügten schon, die Haut der Wirklichkeit zu durchstoßen und hinter der friedlich dürren Wirklichkeit die tosenden Abgründe, Ströme und Milchstraßen jener Seelenbilderwelt zu entfesseln. Ein lateinisches Initial wurde zum duftenden Gesicht der Mutter, ein langgezogener Ton im Ave zum Paradiestor, ein griechischer Buchstabe zum rennenden Pferd, zur bäumenden Schlange…”

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse, Suhrkamp, S. 62

Die Handlung ist in dieser Erzählung wieder einmal recht einfach. Äußerlich passiert nicht sonderlich viel, doch wie schon beim Steppenwolf, sind es die tiefgehende und emotionale Beschreibung des Innenlebens der Personen, ihre inneren Kämpfe, ihre Zerrissenheit, welche dieses Werk so besonders machen.
In der Erzählung geht es um den klugen und frommen Novizen Narziß und den jungen Klosterschüler Goldmund. Goldmund wurde von seinem Vater großgezogen und weiß über seine Mutter nur wenig, wächst aber mit dem Gefühl auf, Ihre Sünden wieder ausgleichen zu müssen.
Goldmund findet in Narziß schnell einen Freund und vor allem ein großes Vorbild. Auch er möchte Klosterbruder werden und irgendwann genauso gelehrt sein wie sein Freund. Narziß sieht jedoch, dass in dem jungen Goldmund etwas anderes schlummert, dass er nicht für das strenge Klosterleben gemacht ist. Während Goldmund sich nichts mehr wünscht, als sich Narziß ebenbürtig zu fühlen, setzt Narziß daher alles daran, ihm ihre Unterschiede aufzuzeigen, bis Goldmund sich diese auf zunächst schmerzhafte Weise eingestehen muss, als Narziß ihn dazu bringt, sich an seine Mutter zu erinnern. Dies führt dazu, dass Goldmund das Kloster verlässt und sich auf eine lange Reise begibt. Das Bild der Mutter wird dabei zu einem Leitmotiv für ihn.
Auf seiner Reise erlebt er Liebe und Angst, sieht Schönheit und Tod. Er erkennt sein Bedürfnis die ganze Welt, alle Bilder, alle Gefühle in sich aufzusaugen und seinen Wunsch, diese Empfindungen in der Kunst zum Ausdruck zu bringen.

“Aber ich sehe dich auf dem entgegengesetzten Weg, auf dem Weg durch die Sinne, das Geheimnis des Seins ebenso tief zu erfassen und viel lebendiger ausdrücken, als die meisten Denker es können.”

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse, Suhrkamp, S. 284

Narziß und Goldmund – Verstand und Gefühl (andere Autorin, ja, aber besser lässt es sich nicht ausdrücken). Eine Erzählung, die trotz ihrer Verankerung in einem mittelalterlichen Setting unglaublich zeitlos ist.
Wer bin ich? Wie möchte ich leben und welchen Sinn hat dieses Leben für mich? Welche Prioritäten setze ich und was hat am Ende eine Bedeutung? Kann ich nur Denker oder Künstler sein und wer kommt damit dem Sinn des Lebens näher?
Dies sind Fragen mit denen sich Hesse hier auseinandersetzt und seine Figuren an ihnen oft schmerzhaft verzweifeln lässt.

“Ach, und es hatte dies ganze Leben doch nur dann einen Sinn, wenn beides sich erringen ließ, wenn das Leben nicht durch dies dürre Entweder-Oder gespalten war! Schaffen, ohne dafür den Preis des Lebens zu bezahlen! Leben, ohne doch auf den Adel des Schöpfertums zu verzichten! War denn das nicht möglich?”

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse, Suhrkamp, S. 241

Im Gegensatz zum Steppenwolf, habe ich hier erwartet, dass mich die Geschichte deutlich weniger packen würde, da ich die Thematik beim Steppenwolf (den Gesellschaftsverdruss, das gleichzeitige Bedürfnis, alleine und unabhängig zu sein und doch die Liebe anderer Menschen erfahren zu wollen) deutlich spannender fand. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass ich bei Narziss und Goldmund noch schneller einen Einstieg finden würde, noch viel mehr mitgerissen würde von der wunderbaren bildhaften Sprache Hesses und dem wilden Strom der Bilder und Emotionen, denen sich Goldmund ausgesetzt fühlt.
Besonders intensiv empfand ich hier den Teil der Erzählung, in der Goldmund durch von der Pest heimgesuchte Städte und Dörfer wandert und er dennoch all die Bilder die er sehen muss, die Angst vor dem Tod und die Freude noch am Leben zu sein, diese widersprüchlichen Emotionen, die ihm überall entgegenprallen, in sich aufsaugt und zwar ganz ohne sie zu bewerten. Schlechte Gefühle, grausame und traurige Bilde sind für ihn nicht weniger wertvoll, denn sie bewegen etwas in ihm und das ist es ja, wonach er strebt.
Diese Pestszenen sind, im zeitlichen Kontext gesehen, zudem eine ziemlich genaue Darstellung dessen, wie Hesse den aufstrebenden Nationalsozialismus in Deutschland wahrgenommen haben muss und bekamen somit noch eine zusätzliche Bedeutung, wirkend wie subtiler Widerstand.

“Außerdem gaben die Reichen den Armen die Schuld und umgekehrt, oder es sollten die Juden sein […] In einer Stadt sah Goldmund mit grimmigem Herzen zu, wie die ganze Judengasse brannte […]

Im Irrsinn der Angst und Verbitterung wurden überall Unschuldige totgeschlagen, verbrannt gefoltert, die Welt schien zerstört und vergiftet, es schien keine Freude, keine Unschuld, keine Liebe mehr auf Erden zu geben. Oft floh er zu den heftigen Festen der Lebenslustigen, überall klang die Fiedel des Todes, er lernte ihren Klang bald kennen…”

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse, Suhrkamp, S. 214

Narziß und Goldmund verkörpen scheinbare Gegensätze, wissen aber den Weg des anderen sehr zu schätzen und erkennen somit, dass nicht den einen richtigen Weg gibt. Erscheint zunächst Narziß als Lehrer Goldmunds, so lernt er am Ende besonders viel von seinem Freund. Der Umgang mit der Religion ist hier zudem sehr offen und weit gefasst. Zwar ist es besonders für Narziß ein Ziel, Gott möglichst Nahe zu kommen, doch kann diese Gottesnähe eher als allgemeine Erkenntnis, den Sinn des Lebens zu erfassen, aufgefasst werden. So lassen sich diese gegensätzlichen Lebensentwürfe nicht nur zeitlichlos auf jeden Kontext übertragen, sondern auch religiös unabhängig interpretiert werden können.

Ja, und es war nicht bloß kindlicher und menschlicher, ein Goldmundleben zu führen, es war am Ende wohl auch mutiger und größer, sich dem grausamen Strom und Wirrwarr zu überlassen, Sünden zu begehen und ihre bitteren Folgen auf sich zu nehmen…”

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse, Suhrkamp, S. 291

Narziß und Goldmund ist für mich ein ganz wunderbarer Klassiker, der wieder einmal zum Nachdenken anregt.
Hesse zeigt hier wieder auf seine ganz besondere Art und Weise, was Menschsein alles bedeuten kann, dass es dazugehört sich zerrissen zu fühlen, verschiedene, vielleicht widersprüchliche Ziele zu haben und dass sich Ansichten und Prioritäten auch im Laufe eines Menschlebens ändern können. Da wir als Menschen nach dem Sinn des Lebens, nach Erfüllung streben und diese auf so unterschiedliche Weise aufgefasst werden können, ist es scheinbar unmöglich, diese Zerrissenheit auf dem Weg nicht zu erfahren.
Obwohl mich die Gedanken und Erkenntnisse vom Steppenwolf noch deutlich mehr faszinierten, mich nachhaltig beeindruckt und beschäftigt haben, muss ich einfach dennoch sagen, dass Narziß und Goldmund mich während des Lesens mehr unterhalten und durch die Sprache und Goldmunds spannende Reise noch mehr mitgerissen hat.
Die Flut aus Bildern und Empfindungen, die er auf dieser Reise erlebt ist durch Hesses einzigartigen Schreibstil einfach direkt in mich übergegangen und hat mich sehr bewegt.

Ein Klassiker, den man gelesen haben sollte!

Angaben zum Buch // Werbung


Titel: Narziß und Goldmund
Autor: Hermann Hesse
Verlag: Suhrkamp (51. Auflage 2018)
erstmals erschienen: 1930
Seiten: 305
ISBN: 978-3-518-36774-2
Preis: 10,00 €


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7 thoughts on “[Rezension] “Narziß und Goldmund” von Hermann Hesse”

  1. Hach ja, der gute Hesse! :) Schon beim ersten Zitat hatte ich eine Gänsehaut! <3
    Wird Zeit, dass ich mir mal wieder eines seiner Bücher zu Gemüte führe, auch wenn 'Siddharta' jetzt auch nur einen Monat zurückliegt. :D
    Und dank deiner Rezension ist 'Narziss und Goldmund' noch ein Stückchen höher gerückt auf meiner Wunschliste… ;) Danke!
    Ida <3

  2. “I have had to experience so much stupidity, so many vices, so much error, so much nausea, disillusionment and sorrow, just in order to become a child again and begin anew. I had to experience despair, I had to sink to the greatest mental depths, to thoughts of suicide, in order to experience grace.”

    ― Hermann Hesse

    Ich konnte es leider nicht auf deutsch finden, was sicherlich noch interessanter wär. Aber dieser Mann hat mir mit seiner Weisheit den Vater ersetzt den ich nie hatte. Ich bin hier nur zufällig gelandet, weil ich nach einem passendem Cover vom Steppenwolf für meine Website gesucht habe aber jetzt bleib ich vielleicht etwas länger und stöber in den ganzen Buchtiteln, man kann ja nie zu viele Bücher haben nur zu wenig Zeit!
    Viele Grüße !
    Marcin

  3. Sehe jetzt erst, dass du eines meiner Lieblingsbücher gelesen hast! Dieses und auch “Siddhartha” sind meine absoluten Klassiker-Schätze! Ich muss gestehen, dass ich “Der Steppenwolf” noch nicht gelesen habe. Seit Jahren habe ich den Wunsch und irgendwie traue ich mich nicht…

    Hesse ist einfach grandios und ich denke, dass ich nun doch auch endlich wieder mal dieses Buch re-readen sollte. Sehr schön, dass Hesse dich so begeistern konnte. :-)
    GlG, monerl

    1. Hallo monerl,

      ja, ich liebe Hesse. Siddhartha habe ich noch nicht gelesen. Ich habe ein bisschen sorge, dass es mir etwas zu esoterisch ist. Mich konnte beispielsweise auch der Alchimist von Coelho nicht wirklich überzeugen und ich befürchte dass es hier ähnlich ist.
      Den Steppenwolf finde ich super! Den kann ich wirklich wärmstens empfehlen!

      LG, Ricy

      1. Geschmäcker sind natürlich verschieden. Obwohl ich “Der Alchimist” sehr mochte, bin ich eigentlich kein Esoterik-Fan. Ich glaube nicht, dass man “Siddhartha” in diese Schublade schieben kann. Jedenfalls empfehle ich dir das Buch. Wenn es nichts ist, kannst du ja abbrechen. Aber ganz auslassen würde ich es an deiner Stelle nicht. ;-)
        GlG, monerl

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