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[Rezension] “Die Farbe von Glas” von Caroline Lea

Wer noch ein Buch für die dunkle, kalte Jahreszeit sucht, der sollte jetzt unbedingt weiterlesen. Die Farbe von Glas ist ein solcher Roman. Perfekt, um sich mit einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa einzukuscheln und sich von dieser Geschichte in das eisige und gnadenlose Island des 17. Jahrhunderts entführen zu lassen.

Worum geht’s?

Island 1686: Die junge Rósa lebt seit dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter in großer Armut. Als ihre Mutter krank wird und droht, den Winter nicht zu überleben, stimmt sie aus Verzweiflung zu, den reichen Händler Jón zu heiraten. Dafür wird er ihre Mutter mit ausreichend Essen und Heizmaterial versorgen. Rósa sieht keine andere Wahl und so bedeutet das für sie, ihr Heimatdorf und die Menschen, die sie liebt, verlassen zu müssen und in einem fremden Dorf, mit einem fremden Mann ein neues Leben aufzubauen. Das wird noch dadurch erschwert, dass sie dort auf Argwohn und Ablehnung trifft und von ihrem Ehemann dazu angehalten wird, möglichst keinen Kontakt zu den Dorfbewohnern aufzubauen. Denn obwohl Jón der Gemeindevorsteher ist und für seine Großzügigkeit geschätzt wird, ranken sich düstere Gerüchte um ihn. Seine erste Frau Anna starb unter mysteriösen Umständen. Man erzählt sich, sie sei verrückt geworden und er habe sie umgebracht. Jón redet nicht von ihr und äußert sich nicht zu den Gerüchten. Was ist wahr und was nur gemeiner Tratsch? Warum darf Rósa den Dachboden nicht betreten und was sind das für seltsame Geräusche, die sie immer wieder vernimmt?
In Rósas Einsamkeit und Verzweiflung ist die kleine Glasfigur, die sie von Jón zur Hochzeit geschenkt bekam, ihr einziger Trost. Trotz aller Widrigkeiten erscheint sie unzerbrechlich.
Als der Winter kommt, das Dorf unter einer dicken Schneeschicht verdeckt und die Bewohner in ihren Hütten einschließt, werden die bösen Vorahnungen immer realer, die nicht ganz greifbare Bedrohung rückt immer näher…

Meine Meinung

Ein Roman, so athmosphärisch, dass er einen mit allen Sinnen an die stürmischen Strände, in die endlose Weite, die verschneiten Berge, dunkle Höhlen und stickigen Hütten Islands reisen lässt.

“”Hast du das gehört?”, fragt sie und greift mit ihrer Hand in die Tasche, um die kalte Form der Glasfigur zu berühren. Das beruhigt sie. Es ist, als stünde sie mit den Füßen auf dem Gestein, das man vor langer Zeit eingeschmolzen haben muss, um diese perfekte Frau aus Glas zu formen. Sie wurde mithilfe von Feuer gestaltet, ist unbeschädigt über Land und Meer gereist, und so zerbrechlich sie auch wirken mag, sie ist immer noch unversehrt.”

Die Farbe von Glas, Caroline Lea, S. 278

Es ist eine bedrohliche, gnadenlose Welt, dieses Island des 17. Jahrhunderts. Die unberechenbare Natur fordert jeden Winter zahlreiche Menschenleben. Dementsprechend hart und kalt erscheinen auch seine Bewohner. Es geht vor allem um eins, das nackte Überleben. Gefühle spielen in Ehe und anderen zwischenmenschlichen Beziehungen eher eine untergeordnete Rolle. Eine gute Ehefrau hat vor allem zu gehorchen. Etwas womit sich die belesene Rósa nur schwer arrangieren kann. Von ihrem Vater, einem Geistlichen, lernte sie Lesen und Schreiben und schrieb heimlich an ihrer eigenen Saga. Als Ehefrau müsste sie dies jedoch aufgeben und sich ihren häuslichen Pflichten zuwenden. Doch um das Leben ihrer Mutter zu retten, willigt sie ein, den reichen Händler Jón zu heiraten und das obwohl es doch in ihrem Heimatdorf einen Mann gibt, dem ihr Herz schon längst gehört.
Sie folgt Jón in seine Heimat an der rauen Isländischen Westküste und muss schnell feststellen, dass ihr die meisten Bewohner alles andere als wohlgesonnen sind. Immer wieder wird sie mit den dunklen Gerüchten, die ihren Ehemann umgeben, konfrontiert, bis sie selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich glauben soll. Denn wenn Jón nichts zu verbergen hat, warum darf sie dann verschiedene Räume auf dem Hof nicht betreten, warum bleibt er so oft über Nacht weg und äußert sich nie zu den Dingen, die über ihn erzählt werden? Und was sind das für seltsame Geräusche die sie immer wieder hört?
Es ist eine Welt voller Aberglaube, in der die alten Sagas eine große Rolle spielen, jedoch das Schreiben von Runen als Hexerei verpönt und unter schwere Strafe gestellt ist. Besonders Frauen laufen schnell Gefahr dessen verdächtigt zu werden. Es ist eine gefährliche Welt für Menschen aber besonders für Frauen, die kaum Rechte besitzen.
Rósa, ständig alleingelassen in diesem fremden Dorf, in der dunklen Hütte, mit den seltsamen Geräuschen und den bedrohlichen Geschichten, die sich die Dorfbewohner über ihren Ehemann erzählen, hat langsam das Gefühl verrückt zu werden. Dann kommt auch noch ein früher Wintereinbruch und das Dorf wird unter einer dicken Schneedecke begraben.

Die Geschichte ist spannend, die Atmosphäre mystisch und düster und der Schreibstil flüssig zu lesen. Die Charaktere sind rätselhaft und vielschichtig.
Man lernt zudem viel über die raue Vergangenheit eines Landes, das heute so ein begehrtes Touristenziel ist.
Der größte Teil ist aus Rósas Sicht geschrieben, doch es sind auch immer wieder kurze Kapitel aus Jóns Sicht eingeschoben, die zeitlich einige Monate später einsetzen. Gegen Ende des Romans nehmen diese dann immer größere Abschnitte ein und wir erfahren langsam immer mehr über Jóns Geschichte, seine Gedanken und seine Beweggründe.
Insgesamt ist es eine ziemlich traurige Geschichte. Durch die atmosphärische Wirkung kann diese ziemlich bedrückend wirken, doch die Spannung und kleine Hoffnungsschimmer durchbrechen diese Melancholie immer wieder.
Gegen Ende nimmt die Geschichte nochmal richtig an Fahrt auf und hält einige Überraschungen bereit, sodass ich das Buch ab der Hälfte kaum noch aus der Hand legen konnte.

Fazit

Wer eine spannende, atmosphärische Geschichte sucht, in die man voll und ganz abtauchen kann und wer vor ein bisschen Melancholie nicht zurückschreckt, der könnte mit diesem Buch genau richtig liegen. Für mich passt dieser Roman perfekt in die Jahreszeit und hat mich mit seiner Stimmung an eine Mischung aus Emily Brontës Sturmhöhe und Daphne Du Mauriers Rebecca erinnert. Für mich ein ganz großes Lesevergnügen und ein Buch, dass sich alleine durch sein wunderschönes Cover perfekt als Weihnachtsgeschenk machen würde!

Vielen Dank an den HarperCollins Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplars!

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Titel: Die Farbe von Glas
Autorin: Caroline Lea
Übersetzung: Leonie von Reppert-Bismarck, Anja Kirchdörfer
Verlag: HarperCollins
erschienen am: 14. Oktober 2019
Seiten: 416
ISBN: 9783959672948
Preis (gebunden): 20,00 €

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